Bochum

Dolmetscher über Marcel Heße: „Sein Englisch war nicht schlecht, für einen 19-Jährigen, der kein Abi in der Tasche hat“

Friday Agbonlahor am Landgericht Bochum: Er übersetze die Passagen aus dem Heße-„Manifest“ vom Englischen ins Deutsche.
Friday Agbonlahor am Landgericht Bochum: Er übersetze die Passagen aus dem Heße-„Manifest“ vom Englischen ins Deutsche.
Foto: DER WESTEN/ Matthias Biesel
  • Der Urteil im Marcel-Heße-Prozess ist gesprochen
  • Vor Gericht übersetzte Friday Agbonlahor Passagen aus Heßes „Manifest“
  • Er war überrascht, wie gut der Doppelmörder der englischen Sprache mächtig ist

Bochum. Friday Agbonlahor setzt sich. Bei sich hat er die sorgfältigen Übersetzungen von Marcel Heßes Manifest und zwei seiner Sprachaufnahmen. Der Doppelmörder hatte nach seinen Morden an Jaden und Christopher im Internet auf Englisch mit seinen Taten geprahlt.

Rechts von ihm betritt nach mehreren Minuten Marcel Heße den Saal. „Ich wusste nicht um die Brisanz des Prozesses“, erklärt Agbonlahor heute.

Erst als der beeidigte Dolmetscher Heßes auf Englisch verfasstes „Manifest“ in den Händen hielt, sei ihm klar geworden: „Hier geht es um Mord.“

„Recht akzeptable Sprachkenntnisse im Englischen“

Er attestiert dem Doppelmörder aus Herne recht akzeptable Sprachkenntnisse im Englischen. „Gar nicht mal schlecht, für einen 19-Jährigen, der nicht einmal mehr ein Abi in der Tasche hat“, meint Agbonlahor.

Probleme haben ihm die vielen Fremdwörter aus dem Japanischen bereitet. Heße konsumierte viel Anime und Manga und ließ in seiner Niederschrift auf „4chan.org“ häufig japanische Begriffe einfließen.

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• Mehr zum Heße-Prozess:

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Polizei-Übersetzer übersetzen häufig fehlerhaft

Zuvor lag dem Richter bereits eine Übersetzung eines anderen Übersetzers vor, den die Polizei während der Fahndung hinzugezogen hatte. Agbonlahors Version war deshalb besonders wichtig. Häufig kommt es zu Fehlern bei ersten Übersetzungen, sodass ein zweiter Sachverständiger mögliche Fehler ausbessern kann.

„Im Zuge der Verteidigung kann der Dolmetscher schnell unter die Räder geraten“, erklärt Agbonlahor die Probleme seines Berufs. Der Strafverteidiger würde beispielsweise häufig Vorwürfe gegen den Dolmetscher erheben, damit dieser ersetzt wird.

Es sei schon vorgekommen, dass Personen absichtlich falsch oder ungenau übersetzt hätten. So könnten sie das Verfahren wesentlich mitbeeinflussen.

„Dolmetscher sind deshalb schon im Gefängnis gelandet“, berichtet der Bochumer, der an der Ruhr-Universität einen Master in Kommunikationswissenschaften abgelegt hat.

Kein normaler Prozess - auch nicht für den Übersetzer

„Eine Sache, die nicht alltäglich vorkommt“, kommentiert Agbonlahor seinen Einsatz beim Heße-Prozess. Er übersetzt und dolmetscht seit 1992, hat also Erfahrung. In einem ähnlichen Fall sei er bisher nicht als Sachverständiger hinzugezogen worden.

„Zumeist habe ich mit Menschenhandel und Drogenprozessen zu tun“, erklärt der gebürtige Nigerianer. Er wird bevorzugt bei Gericht hinzugezogen, wenn afrikanische Staatsangehörige angeklagt sind. Er beherrscht den afrikanischen Dialekt „Edo“, auch bekannt als „Bini“.

Ob ihn der Prozess um den Doppelmörder Marcel Heße emotional berührt habe. „Nein“, antwortet Agbonlahor abschließend. Dafür habe er eine zu große Distanz zum Job.

 

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