Die graue Maus aus Bochum verscheuchen

Jürgen Stahl
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Bochum.  Den ranghöchsten Bochumer Stadtwerber zieht’s an den Rhein: Matthias Glotz (47) verlässt die Bochum Marketing GmbH, um an die Spitze des Deutschen Marketing-Verbandes mit Sitz in Düsseldorf zu wechseln. Kurz vor seinem Abschied in dieser Woche sprach WAZ-Redakteur Jürgen Stahl mit dem langjährigen Geschäftsführer.


2005 traten sie Ihren Job in Bochum an. Mit welchem Ziel?

Matthias Glotz: Die Darstellung der Stadt zusammen mit möglichst vielen Akteuren nach innen und außen zu verbessern. Wie nehmen Bochumer ihre Stadt wahr? Wie wird Bochum von Auswärtigen wahrgenommen? Das waren die entscheidenden Fragen.


Haben Sie ihr Ziel erreicht?

Sagen wir’s so: Ich war moderat erfolgreich. Die Zahl der Gesellschafter hat sich in meiner Amtszeit von 21 auf 48 mehr als verdoppelt, das Stammkapital kletterte auf 240 000 Euro, die Umsätze stiegen um 60 Prozent. Wichtiger als die Zahlen war und ist für mich aber die wachsende Bereitschaft der Gesellschafter, für Bochum an einem Strang zu ziehen, den Vertrag mit Leben und konkreten Projekten zu füllen. Das ist in einem in der Stadtwerbung seltenen Privat-Partnership-Modell nicht immer leicht.


Konnten Sie das Image Bochums verbessern?

Es ist eigenartig. Die Bochumer selbst schätzen das Image ihrer Stadt – Stichwort Graue Maus – eher schlecht ein. Dagegen ist das Ansehen Bochums gestiegen. Und das hat nicht nur etwas mit der Kulturhauptstadt 2010 zu tun. Die Bochumer gelten als freundlich und aufgeschlossen. Die Hochschullandschaft, die Gesundheits- und Kreativ-Wirtschaft sind großartige Alleinstellungsmerkmale, für die mitunter lautstärker und selbstbewusster geworben werden dürfte. Immerhin lebt Bochum längst mehr vom Kopf als von den Muskeln.


Wurden Ihnen Steine in den Weg gelegt?

Keine Steine. Doch es gab manche Hürden zu überwinden. Das ist bei dieser Vielzahl und Vielfalt der Akteure aber durchaus normal. Unterm Strich hat sich das 50:50-Unternehmen BO-Marketing bestehend aus der Stadt Bochum und Wirtschaftspartnern bewährt. Gerade vom Einzelhandel als größtem Gesellschafter habe ich mich gut unterstützt gefühlt.


Schlägt sich die Imagewerbung im Tourismus nieder?

Dem Städtetourismus wird im Ruhrgebiet noch immer zu geringe Bedeutung beigemessen. Dabei ist er auch wirtschaftlich von Belang: Jeder Tourist lässt im Schnitt 145 Euro pro Tag in der Stadt. Wir versuchen, durch eine professionelle Medien- und Internetarbeit den Tourismus auszubauen. Die Zahlen gehen nach oben. Davon profitieren alle, nicht zuletzt die Gastronomie und Hotellerie.


Welche Rolle spielen die von BO-Marketing organisierten und unterstützten Veranstaltungen?

Sie machen nur einen Teil unserer Arbeit aus, setzen in der City und in den Stadtteile aber wichtige Akzente. Auf die Entwicklung des Weihnachtsmarkts bin ich besonders stolz. Früher war das mehr Kirmes als Markt. Unter Schmerzen haben wir in den letzten sechs Jahren 120 der 180 Stände ausgewechselt. Seither gibt’s Klasse statt Masse, u.a. mit dem Fliegenden Weihnachtsmann, der auch in diesem Advent dabei sein wird. Nach zweijähriger Pause gibt’s 2011 zudem die Rückkehr des Mittelaltermarktes an der Pauluskirche.


Haben sich die klassischen Kirmessen überlebt?

Das Freizeitverhalten gerade bei jungen Leuten hat sich verändert. Das macht sich bei der Kirmes bemerkbar. Die Jahrmärkte in Stiepel, Harpen und Linden laufen als Stadtteil-Volksfeste gut. Die Kirmes an der Castroper Straße indes hat große Probleme. Solange die Schausteller wollen, werden wir den Rummel aber nicht sterben lassen – auch wenn man sich fragen müsste, ob man manche Dinge nicht besser beenden sollte.


Woran werden Sie sich erinnern, wenn sie in zehn Jahren an Bochum zurückdenken?

An meine lebenswerteste Zeit. Ich habe mich hier unglaublich wohl gefühlt. Aber mit 47 will ich einfach noch mal etwas Neues machen.


Was geben Sie den Bochumern mit auf den Weg?

Glotz: Mit Mut gemeinsam anpacken!