Demografischer Wandel ist auch für die Stadtplaner eine Herausforderung

Sabine Vogt
Die Hustadt (hier der neu gestaltete Brunnenplatz) stellt die Stadtplaner vor besondere Herausforderungen. Foto: Ingo Otto
Die Hustadt (hier der neu gestaltete Brunnenplatz) stellt die Stadtplaner vor besondere Herausforderungen. Foto: Ingo Otto
Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool

Bochum. Der demografische Wandel ist vor allem auch für Architekten und Stadtplaner eine Herausforderung. Die Bevölkerung schrumpft und wird älter. Für sie muss nicht nur die Infrastruktur vorgehalten werden, sie muss auch eine andere sein.

Die Ansprüche der betagten Bürger – laut Prognose wird Bochum 2030 rund 40 000 Einwohner weniger haben – werden Auswirkungen auf alle Infrastrukturen haben. Baudezernent Dr. Ernst Kratzsch: „Weniger Bürger heißt weniger Gebührenzahler. Also müssen wir das Umlagesystem für den Gebührenhaushalt umbauen, damit zum Beispiel die Kanalgebühren nicht ins Unermessliche steigen.“ Effektiver, besser wirtschaften; dennoch werden die Nebenkosten für die Bürger klettern.

Die Verwaltung bemüht sich schon jetzt darum, die Infrastruktur zu erhalten, ohne sie schmerzhaft zu verteuern. „Personaleinsparungen sind ein Weg, etwa durch Automatisieren der Entwässerung.“

Jedes Quartier hat laut Kratzsch seine Alterung. Nicht alle Freiflächen sollten zugebaut werden. Vielmehr gehöre zur Biografie, wie sie genutzt werden. Jeder Stadtteil wird auch in Zukunft Kinderspielplätze brauchen. Eine deutliche Altersdurchmischung, das wollen die Bochumer Planer erreichen, um extreme Effekte kommunalpolitisch aufzuhalten. „Da werden vielleicht zehn Jahre lang Spielplätze für Alte gebraucht, für die nächste Dekade aber wäre eine Grünfläche von größerem Nutzen.“

Nahversorgung im Stadtteil wird wichtiger denn je

Der Idealfall wäre, einen gesunden Mix zu schaffen. „Dazu müssen die Kommunen steuernd eingreifen, also Bauland für junge Leute ausweisen, um die Zusammensetzung der Stadtteile beizubehalten und um etwa Kindergärten weiter betreiben zu können“, sagt Kratzsch.

Geht man vom Bestand aus, könnte sich eine schiefe Tendenz entwickeln. In Stiepel etwa gibt es große Villen, die nur noch von einer, zwei Personen bewohnt werden, und die alten Besitzer wollen dort bleiben. „Da muss man gucken, ob sie nicht zu ermuntern wären, die Häuser zu vermieten und sich selbst kleiner zu setzen.“ Für Zielgruppen Stadtplanung zu steuern, das probiert die Stadt in der Hu-stadt und in Goldhamme/Griesenbruch. Einzelne Häuser werden aus der Mietbindung entlassen, so dass sie etwa in Studenten-WGs umgewandelt werden können. Um in Goldhamme Ausländer, die dort stark vertreten sind, besser zu integrieren, werden ganze Reihenhaussiedlungen etwa an Türken verkauft. „Das ist die Mittelschicht bei Deutsch-Türken. Die haben Vermögen, die wollen bleiben. Mit Wohneigentum kann man sie stärker an die Stadt binden.“

Wichtiger denn je wird auch die Nahversorgung im Stadtteil sein. Der Supermarkt muss für die älteren Bewohner zu Fuß erreichbar sein. Auf der anderen Seite werden Bus und Bahn mit weniger Fahrgästen auskommen müssen. „Auch dort sollte die Steuerung eingreifen, indem etwa der Klimaschutzaspekt größeren Stellenwert bekommt.“ Kritisch wird’s da, wo die Fahrpreise immer weiter steigen wegen wegbrechender Fahrgäste.

Kulturelle Aspekte spielen eine zunehmende Rolle

Die Stadtentwicklung früher zielte allein auf Expansion. Heute geht es teils um Schrumpfung, teils um Kompensation, und das nicht auf neuen, sondern vorhandenen Flächen. Die Bausubstanz gilt insgesamt im Ruhrgebiet als stark renovierungsbedürftig. Das liegt daran, dass die Mieten hier klassisch niedriger sind. „Wenig Mieteinnahmen, wenig Instandsetzung. Wir brauchen höhere Investitionsraten, was wieder soziale Folgen hätte wegen der Mieterhöhungen“, so Kratzsch.

Infrastruktur heißt aber nicht allein die Sicherstellung vorhandener Versorgungsstrukturen. Auch kulturelle Aspekte spielen beim demografischen Wandel eine zunehmende Rolle. So beklagte unlängst der Landschaftsarchitekt Ernst Herbstreit, dass der Stadtpark verkommt. „Selbst in Kriegszeiten wurde mehr gemacht.“ Wege wachsen zu, der Rosengarten sei unansehnlich, genauso wie der Eingangsbereich. „Klar hat die Stadt derzeit kein Geld, doch es wäre leistbar, den Park zu verbessern.“ Diese Meinung teilt Stadtplaner Kratzsch. „Der Park gehört unbedingt dazu, wenn es um die Zukunft Bochums geht. Die Instandsetzung dürfen wir nicht vernachlässigen. Schon deshalb müssen wir in eigenen Reihen umstrukturieren, denn es wird dramatischer, je mehr die Bevölkerung abnimmt.“