Demenz ist nicht das Ende

Jürgen Stahl
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Neulich war die Polizei da. 40 Beamte ließen sich erklären, woran sie Demenzkranke erkennen. Luftiges Hemdchen im tiefsten Winter. Eine Seniorin Ende 80, die „zu Mama“ will. Ziellose Flucht gen Nirwana. „Den meisten Polizisten erzählten wir nichts Neues. Die wissen nach etlichen Einsätzen genau, ob der hilflose Mensch vor ihnen dement ist. Kein Wunder. Es gibt ja immer mehr“, sagen Christel Schulz und Jutta Meder von der Alzheimer-Gesellschaft.

Bochum. Volkskrankheit Altersverwirrtheit: Die Geißel Alzheimer reißt in tausende Ehen und Familien in unserer Stadt tiefe, unüberwindbar scheinende Gräben. Aktuell sind es 7000 Erkrankte. Bis 2050 wird sich die Zahl verdoppelt haben.

Neben der DRK-Alzheimerhilfe mit Eva-Maria Matip und Heiderose Höfling ist es in Bochum die gemeinnützige Alzheimer-Gesellschaft an der Universitätsstraße 77, die den Erkrankten und Angehörigen seit über 20 Jahren zur Seite steht. Ihr Credo damals wie heute: Man darf sich nicht mit seiner Krankheit verstecken! Nur weil man unheilbar an Alzheimer leidet, ist das Leben nicht vorbei!

Angst vor dem Gang zum Arzt

Das geparkte Auto, das man nicht wiederfindet, oder die Brille im Kühlschrank: „Warnsignale gibt’s reichlich. Mitunter sind schon 60-Jährige betroffen“, sagt Fachberaterin Christel Schulz. Der Gang zum Facharzt wäre jetzt das einzig Richtige. „Doch leider ist Demenz die Krankheit, die ältere Menschen am wenigsten annehmen. Merken tun es alle. Aber nur wenige setzen sich mit den ersten Symptomen auseinander. Aus Angst und Scham. Aus Sorge, hilfsbedürftig zu werden und die Selbstbestimmung zu verlieren“, beobachtet Beraterin Jutta Meder. Immerhin: Bei den jüngeren Alten wachse die Bereitschaft, frühzeitig zum Arzt zu gehen. „Da hat die jahrelange Aufklärung langsam gewirkt.“

Wer mit oder ohne Diagnose den Weg zur Alzheimer-Gesellschaft oder zum DRK findet, kann ein engmaschiges Hilfsangebot nutzen. Energisch räumt Christa Schulz dabei mit „zwei Mythen“ auf: „Alle Demenzkranken werden bettlägerig, alle kommen ins Heim. Beides stimmt nicht! Ein langes, liebevolles Miteinander ist zwar schwer, aber man kann es lernen.“ Der Verein organisiert ehrenamtliche Besuchsdienste, Gruppenstunden, psychosoziale Beratung, Gedächtnistraining und Gesprächsgruppen für die Angehörigen.

Auch Angehörige brauchen Hilfe

Ihnen gilt ein Großteil der Fürsorge. Die Fachfrauen wissen: Die Pflege eines Demenzkranken überfordert auf Dauer einen einzigen Menschen. „Angehörige sollten ein Netz knüpfen, das sie schützt und auffängt.“ Alle Betroffenen könnten bei all dem ganz normalen täglichen Wahnsinn gewiss sein: „Wir sind da. Wir sind bei Ihnen.“ Wenn sich Demenzkranke doch einmal unbeobachtet zu einem Spaziergang aufmachen: Auch die Polizei ist da. Demnächst kommen 40 weitere Beamte zur Schulung.

7000 Bochumer sind demenzkrank. Das sagt die Statistik. Das wahre Ausmaß dürfte deutlich größer sein. Als gesichert gilt: Vier von fünf Erkrankten werden daheim betreut; vom Ehepartner, der Tochter, der Schwiegertochter. Pflegende (Schwieger-)Söhne sind selten. Allen gemein ist die körperliche und seelische Belastung. Meist rund um die Uhr, sieben Tage pro Woche. Und das, obwohl die pflegenden Angehörigen selbst nicht mehr die Jüngsten sind. Ihr Durchschnittsalter liegt bei 58. Jeder Vierte ist sogar 75 und älter.

Die Persönlichkeit verändert sich

Das Leid der Kranken ist oft auch das Leid der Angehörigen. „Sie sind ,der zweite Patient’“, schildern die Experten der Alzheimer-Gesellschaft und der DRK-Alzheimerhilfe. Depressionen, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Rücken- und Magenschmerzen, Schlafmangel: Zur Trauer und Ohnmacht ob des Todes auf Raten eines geliebten Menschen gesellen sich massive gesundheitliche Probleme. Sie zu erleiden, fällt um so schwerer, wenn der Alltag von Feindseligkeit, Beschimpfungen bis hin zu körperlichen Übergriffen geprägt ist. Sich stets klar zu machen, dass es die Krankheit ist, die den Partner, die Mutter, den Vater derart verändert, ist nicht leicht.

Wichtig, mitunter lebenswichtig: Die Helfer müssen selbst Hilfe annehmen. Das passiert nach Beobachtung der Berater immer noch zu selten und zu spät. Angehörige müssen ihre Grenzen erkennen. Wer Hilfe und Beistand nutzt, hilft, selbst gesund zu bleiben. Das eigene Leben, die eigenen Hobbys, Interessen und Freunde dürfen keinesfalls auf der Strecke bleiben.,

Möglichkeiten zur Auszeit gibt es genug. Tages- und Kurzzeitpflege oder betreute Urlaubsreisen eröffnen wertvolle Momente der Entspannung, der Ruhe. Alle Infos gibt’s am Samstag zum Abschluss der Themenwoche Pflege.