Das ganze Deutsche Bergbaumuseum wird eingepackt

Markus Rensinghoff
Verpackungswahn: 350 000 Objekte müssen erfasst, eingepackt und abtransportiert werden.
Verpackungswahn: 350 000 Objekte müssen erfasst, eingepackt und abtransportiert werden.
Foto: FUNKE Foto Services
  • Das Arsenal des Packens wartet im Keller: Unmengen von Umzugskartons und dicke Rollen von Schutzfolie
  • Das Museum wird modernisiert, fit gemacht für die Zeit nach dem offiziellen Ende des Bergbaus 2018
  • 350 000 Objekte, zwei Regal-Kilometer Akten sowie eine Lauffläche von vier Kilometern Bibliothek und Fotothek

Bochum. Transporteinheit DBM–WO–46 ist in keinem guten Zustand. Das ihr angeheftete Infoschild weist sie als Lore aus. Ein Vorsicht-zerbrechlich-Schild würde helfen. Aus ihrem Holzaufbau hat der Zahn der Zeit große Stücke herausgebissen. Gut gesichert ist sie immerhin. Auf einer Europalette fixiert wartet sie auf den Transport in ein sicheres Zwischenlager. Das Deutsche Bergbaumuseum wird eingepackt. Es ist eine besondere Form des Verpackungswahns. Die Lore ist eins von 350.000 Objekten, die aktuell mit Daten und Fotos erfasst, verpackt und abtransportiert werden. Die Räumlichkeiten des Museums werden seit Februar freigeräumt.

Bis Ende Januar 2017 sollen alle Objekte auf zwei große Lager verteilt sein. Sind alle Hallen und Räume leer, beginnt die umfangreiche Sanierung des Nordflügels und die Gestaltung der beiden Rundgänge in der neuen Dauerausstellung des Museums. Das Museum (Baujahr 1930) wird runderneuert, modernisiert, fit gemacht für die Zeit nach dem offiziellen Ende des Bergbaus 2018.

Verteilt auf zwei Lager

Mit einem normalen Umzug, der Sanierung eines Hauses hat das, was da im und mit dem Deutschen Bergbaumuseum passiert, wenig zu tun. Das Arsenal des Packens wartet im Keller. Da stehen solche Unmengen von Umzugskartons und dicken Rollen von Schutzfolie, dass man glauben muss, sämtliche Tagesbesucher des Museums könnten sich für ihren privaten Umzug mit Material eindecken – und dennoch wäre danach das Lager nicht leer.

Dr. Michael Farrenkopf, Leiter des Montanhistorischen Dokumentationszentrums und maßgeblich am Umzugsprojekt beteiligt, kann die imposanten Zahlen des Umzugs, den das Museum mit der Logistikfirma RBS Group München stemmt, längst auswendig: „Wir verpacken jetzt alles – von der Barbarastatue über kleinste Mineralien bis hin zur Großmaschine. Das sind mehr als 350 000 museale Objekte, zwei Regal-Kilometer Akten sowie eine Lauffläche von vier Kilometern Bibliothek und Fotothek. Circa 30 000 Verpackungseinheiten werden in den nächsten Monaten in die Zwischenlager gebracht.“

Als erstes wurde die große Maschinenhalle im Keller leer geräumt. Das war so etwas wie der Stresstest für alle Beteiligten. „Als wir das geschafft hatten“, sagt Farrenkopf, „wussten wir, dass wir den Rest auch schaffen.“

Der Rest aber ist noch eine ganze Menge. „Die Herausforderung ist, dass wir nicht nur einpacken müssen, was der Besucher täglich in unserer Ausstellung sehen kann“, sagt Farrenkopf. „Eine viel größere Aufgabe sind die Musealen Sammlungen und Archivbestände hinter den Kulissen.“ Auch da machen die Verpackungskünstler immer wieder überraschende Funde.

Da wiederum unterscheidet sich dieser Umzug nicht von einem normalen Umzug einer Familie. Auch im Bergbaumuseum tauchen plötzlich Dinge auf, von deren Existenz keiner mehr wusste. Archiviert und abtransportiert wird es natürlich dennoch.

Vier Phasen

Jedes Objekt im Museum durchläuft vier Phasen. Farrenkopf: „In Phase eins muss sichergestellt werden, dass das Objekt inventarisiert ist. Das heißt, in einer speziellen Datenbank vermerkt ist. Es wird fotografiert und gegebenenfalls noch einmal um aktuelle Daten und Inhalte in der Datenbank ergänzt.“

In Phase zwei werden die Objekte einer restauratorischen Prüfung unterzogen. „Das bedeutet“, sagt Farrenkopf, „kann das Objekt auf seine Reise gehen oder bedarf es einer Behandlung durch den Restaurator?“ In der dritten Phase wird es dann seiner zukünftigen Bestimmung zugeordnet und mit einer entsprechenden Nummer versehen. „Denn wichtig ist“, sagt Farrenkopf, „dass ab sofort bis zur Neueinrichtung des Hauses jeder weiß, wo welches Stück hinkommt: Findet es seinen Platz in einem der zukünftigen Ausstellungsrundgänge oder wandert es später wieder ins Bergbau-Archiv, in die Bibliothek oder die diversen Musealen Sammlungen? All diese Optionen müssen wir bereits mitdenken und planen.“ Erst dann wird es im vierten und letzten Schritt in Folie eingewickelt, in Kisten verpackt und auf Paletten gebracht. So wie die Lore. Auch sie soll den doppelten Umzug schadlos überstehen.