Bochum

Clan-Prozess in Bochum: Bande will Kokain verkaufen – doch es war etwas ganz anderes

Fünf Männer müssen sich seit Montag vor dem Landgericht Bochum wegen mehreren Delikten verantworten. Sie sollen zum Miri-Clan gehören.
Fünf Männer müssen sich seit Montag vor dem Landgericht Bochum wegen mehreren Delikten verantworten. Sie sollen zum Miri-Clan gehören.
Foto: DER WESTEN/ Peter Sieben

Bochum. Dutzende dicke Aktenordner stehen auf dem Regal neben der Richterbank: Darin sind Aufzeichnungen von Telefonaten, Vermerke von Ermittlern, Hunderte Hinweise. Klar ist: Dieser Prozess gegen fünf junge mutmaßliche Mitlglieder des Miri-Clans wird ein Mammutprozess.

„Darin warten vielleicht noch Überraschungen für uns bei diesem Verfahren“, sagt die Vorsitzende Richterin Susanne Schön-Winkler in Richtung der fünf Angeklagten.

Die fünf jungen Männer sitzen seit Montag auf der Anklagebank vor dem Landgericht Bochum: Mahmut A., Ramadan A., Ahmed A., Issam A. und M-Khir A. sollen mit Kokain gehandelt und größere Mengen Marihuana importiert haben. Im Rahmen einer großen Polizeiaktion im Oktober letzten Jahres waren die Männer festgenommen worden.

Mutmaßliche Mitglieder des Miri-Clans vor Gericht

Vier von ihnen sind Brüder, seit ihrer Jugend leben sie in Bochum, einer wohnt im sächsischen Auerbach. Sie sollen dem Miri-Clan angehören: Einige Mitglieder aus diesem Libanesen-Clan sind in der Vergangenheit immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Auch die vier Brüder sind alles andere als unbeschriebene Blätter. „Alle von ihnen sind nicht strafrechtlich unbelastet“, so Susanne Schön-Winkler. „Sie sind sieben Geschwister zuhause. Drei junge Frauen und vier Männer. Und alle vier Männer sitzen jetzt hier“, so die Richterin.

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Richterin mit strenger Ansprache

Es ist vielleicht eine letzte Chance für die Männer, die seit Jahren ins kriminelle Bandenmillieu verwickelt sind, aus einem Leben in kriminellen Strukturen auszusteigen - das will ihnen die Richterin wohl klarmachen. In einer langen Ansprache versuchte die Vorsitzende Richterin den fünf jungen Männern einen Denkanstoß zu geben: „Sie können das hier bei Ihren Aussagen so machen und sagen: Einer für alle, alle für einen. Aber wenn bei so einer Konstellation Einlassungen kommen, die uns nicht in die Notwendigkeit bringen, zu graben und zu graben, dann wird das besonderes Gewicht haben.“

Ramadan A. aus Auerbach soll das Oberhaupt der Bande sein. Mindestens einmal haben die vier Bochumer Kokain nach Sachsen geliefert, 40 Gramm der Droge sollen ins Vogtland gebracht worden sein.

Außerdem sollen sie versucht haben, fünf Kilo Matihuana aus den Niederlanden nach Deutschland zu schmuggeln. Issam A. soll der Lokalchef in Bochum sein. Gegen ihn lief zuletzt erst ein Verfahren: Unter anderem wegen Förderung der Zwangsprostitution.

Bande scheitert mit Drogendeal an V-Mann

Offenbar wollte die Bande ins dicke Drogengeschäft einsteigen - scheiterte aber. In einem Fall sollen die Männer einem verdeckten Ermittler Kokain angeboten. Vergeblich versuchten sie, die gewünschte Menge aufzutreiben, so die Anklage.

Am Ende drehten sie dem V-Mann Kreatin an, ein Stoff der in Bodybuilderkreisen als Muskelaufbaupräparat bekannt ist.

V-Mann benahm sich „komisch“

Issam A. erzählt vor Gericht eine andere Geschichte: Er habe schnell gemerkt, dass es sich bei dem Käufer um einen verdeckten Ermittler gehandelt habe. Er sei „sehr aufdringlich" gewesen, habe sich „komisch benommen“, so heißt es in seiner Einlassung zur Sache, die sein Verteidiger verliest.

Mit dem Kreatin-Verkauf will Issam A. aber nichts zu tun gehabt haben. Er ist der einzige der fünf 23 bis 32 Jahre alten Männer, die sich zur Sache einlassen.

Einen Teil der Vorwürfe räumt der 31-Jährige ein, von anderen distanziert er sich. Und er lässt seinen Verteidiger sagen: „Mein Mandant steht für das gerade, was er falsch gemacht hat. Angaben zu seinen Brüdern wird er aber nicht machen.“ Zu stark sind wohl die familiären Bande.

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Clan-Kriminalität:

Woher kommen die Clans?

  • Wenn die Rede von kriminellen Araber-Clans ist, sind meist Mitglieder von Großfamilien mit türkisch-arabischen Wurzeln gemeint. In Deutschland gehören nach Schätzungen des Bundeskriminalamts (BKA) rund 200.000 Menschen zu solchen Großfamilien.
  • Die meisten von ihnen sind nicht kriminell. Manche aber haben sich zu mafiösen Gruppierungen zusammengeschlossen, nutzen familiäre Strukturen für kriminelle Geschäfte.
  • Etwa 100 Clans beobachtet das LKA in NRW. Zwischen 2016 und 2018 sind laut LKA in NRW 14.225 Delikte erfasst worden, die im Zusammenhang mit Clankriminalität stehen.
  • 6449 Tatverdächtige wurden zwischen 2016 und 2018 ausgemacht, jede fünfte Person ist eine Frau. Die allermeisten Verdächtigen (2177) gab es in Essen, gefolgt von Recklinghausen (648) und Gelsenkirchen (570).
  • Die Clan-Kriminellen leben häufig in einer abgeschottenen Parallelwelt, erkennen staatliche Strukturen nicht an. Straftaten werden zu internen Probleme erklärt, die innerhalb der Familien von sogenannten Friedensrichtern geregelt werden.

Mhallami kamen aus der Türkei

  • Das wesentlichste Kriterium der Zugehörigkeit des Einzelnen zum Clan ist die tatsächliche familiäre Verwandtschaft. Viele stammen ursprünglich aus dem Libanon, aus Syrien, dem Irak oder der Türkei. Vor allem im Ruhrgebiet wird häufig von Libanesen-Clans gesprochen. Gemeint sind dann kriminelle Mitglieder von Familien, die ursprünglich aus der Türkei und aus Syrien stammen. Sie gehören zu den sogenannten Mhallami, einer arabischstämmigen Volksgruppe.
  • Viele von ihnen wurden nach dem Ersten Weltkrieg aus der Türkei vertrieben und siedelten sich im Libanon an - oft fehlten ihnen die Mittel für Pässe und eine Einbürgerung. Als dort Bürgerkrieg ausbrach (1975 bis 1990), flohen viele der Familien nach Deutschland.

Clans in NRW: Viele Familienmitglieder haben nur einen Duldungsstatus

  • Sie kamen über Ost-Berlin in den Westen, beantragten Asyl und wurden auf verschiedene Bundesländern verteilt - vor allem nach Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bremen. Hier gab es einen Abschiebestopp, sie erhielten als Staatenlose direkt eine Duldung und blieben im Land. Bei nicht wenigen blieb der Duldungsstatus bestehen, über Generationen.
  • Menschen mit Duldungstatus haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer: Eine selbständige Tätigkeit ist ihnen untersagt, eine Beschäftigung als Arbeitnehmer ist nur auf Antrag und nach Zustimmung durch die Ausländerbehörde möglich. Manche Experten sehen hierin eine mögliche Ursache dafür, dass sich aus der Perspektivlosigkeit heraus kriminelle Netzwerke innerhalb der Familien bilden.
 
 

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