Bochum

AfD-Erfolg bei der Bundestagswahl 2017: Hannes (30) aus Thüringen vergleicht das Revier mit seiner Heimat

Der Thüringer Hannes Bieler (30) hat im Ruhrgebiet studiert.
Der Thüringer Hannes Bieler (30) hat im Ruhrgebiet studiert.
Foto: privat

Bochum. Hannes Bieler (30) kommt aus Roßleben in Thüringen. Wie nahezu alle seiner Klassenkameraden kehrte er seiner Heimat nach Abi und Zivildienst den Rücken. Ihn zog es vor elf Jahren in den Westen. An der Ruhr-Universität Bochum studierte der Thüringer Umwelttechnik.

Mittlerweile arbeitet der 30-Jährige als Verfahrens-Ingenieur in Duisburg. In seiner Wahlheimat Düsseldorf holte die AfD bei der Bundestagswahl 7,95 Prozent.

Doch ganz anders sieht es in seiner Heimatstadt in Thüringen aus. Hier wurde die AfD mit 26,1 Prozent der Stimmen stärkste Partei vor der CDU. In manchen Dörfern kratzten die Rechtspopulisten sogar an der 40-Prozent-Marke.

Hannes Bieler findet das Ergebnis „erschreckend“. Im Interview mit DER WESTEN nennt er die Gründe für das starke AfD-Ergebnis und zieht den Vergleich mit dem Ruhrgebiet.

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Was denkst du über das Ergebnis der Bundestagswahl 2017?

Hannes Bieler: „Das ist schon ziemlich erschütternd, dass die AfD so viele Stimmen abgreifen konnte. Ich hatte die Hoffnung, dass noch mehr Wähler mobilisiert werden können, um so ein hohes Ergebnis vermeiden zu können. Als nach der ersten Prognose in der ARD Alexander Gauland eingeblendet wurde, war ich von seinem Vokabular zu tiefst erschrocken: 'Frau Merkel jagen' und 'unser Land und unser Volk zurückholen' - das erinnert eher so an die 30er Jahre.“

Populismus gehört zum Konzept der AfD - warum hat die Partei deiner Ansicht nach besonders im Osten so viel Zulauf?

Bieler: „Weil sich im Osten viele Menschen im Stich gelassen fühlen. Die Region war nach der Wende lange Zeit infrastrukturell nicht ausreichend angeschlossen. Die nächste Großstadt war weit entfernt und die Arbeitsplätze knapp. Die meisten jungen Leute zieht es aufgrund mangelnder Perspektive weg. Zurück bleiben die Älteren, die zum Beispiel aus familiären Gründen geblieben sind. Oder weil sie sich ein Haus gekauft haben. Prinzipiell hatte jeder zu DDR-Zeiten noch Arbeit. Nach der Wende haben viele den Job verloren. Schau dir die Arbeitslosen-Statistiken doch an.“

In Ostdeutschland liegt die Arbeitslosigkeit bei 9,4 Prozent gegenüber 5,5 Prozent im Westen. In Gelsenkirchen, der AfD-Hochburg in Westdeutschland, liegt die Arbeitslosenquote im August 2017 sogar bei 12,1 Prozent.

Bieler: „Das zeigt für mich, dass die Bundestagswahl 2017 für AfD-Wähler eine reine Protestwahl war. In den strukturschwachen Regionen mit geringen Chancen auf einen gut bezahlten Arbeitsplatz haben die Menschen einfach Angst vor weiterem sozialem Abstieg. Die Menschen wollen einfach mal wieder eine Stimme haben. Die Frage ist nur: wie kann ich möglichst laut sein, wenn ich nie wahrgenommen werde oder wenn dann nur pauschal belächelt. Für mich ist das ein Hilfeschrei. Die AfD hat es geschafft, dieses Bedürfnis nach Aufmerksamkeit mit leichten Parolen und klaren Feindbildern zu befriedigen.“

Als Feindbild müssen vor allem Angela Merkel und ihre Flüchtlingspolitik herhalten.

Bieler: „Dass das in meiner Heimat funktioniert, ist eigentlich absurd. Da gibt es vielleicht mal eine Dönerbude in der Stadt. Aber sonst keine Ausländer. Woher also die Angst vor dem Fremden?! In Gelsenkirchen oder Duisburg-Marxloh ist das vielleicht anders. Da ziehen manche Wähler vielleicht die falschen Rückschlüsse, wenn sie vor die Tür gehen. Manche glauben dann das Narrativ vom kriminellen Flüchtling, der nach Deutschland kommt, um eine deutsche Kultur abzulösen oder im schlimmsten Fall direkt Terrorist ist und alles in die Luft jagen will.“

Haben die Menschen in deiner Heimatstadt denn Angst vor Flüchtlingen?

Bieler: „Nicht unbedingt. Bei uns in der Stadt gibt es eine Flüchtlingsunterkunft. Es gibt viele Versuche, die Menschen in die Gesellschaft zu integrieren. In meiner Familie teilen auch alle meine Einstellung zu dem Thema. Grundsätzlich hab ich aber die Befürchtung, dass diese Wahl zu einer enormen gesellschaftlichen Teilung führt - auch innerhalb von Familien- und Freundeskreisen. Ich weiß nicht, ob ich zum Beispiel auf einer Geburtstagsfeier in der Heimat ruhig bleiben kann, wenn das Thema auf den Tisch kommt. Denn wer sich für die AfD entscheidet, wählt Politiker, die offen Ausländer ausgrenzen und die Menschenrechte mit Füßen treten.“

Wie können die etablierten Parteien die Menschen noch erreichen, die sich abgehängt fühlen?

Bieler: „ Die Parteien müssen sich einfach mehr um die abgehängten Regionen kümmern. Für Thüringen müssten Konzepte angeboten werden, um die Region für Arbeitgeber attraktiver zu machen. Insbesondere für Jungunternehmer müssen attraktive Anreize geschaffen werden, Startups zu gründen. Denn Thüringen ist ein wunderschönes und kulturell interessantes Land mit freundlichen und hilfsbereiten Menschen. Wenn den Menschen wieder Perspektiven geboten werden, wächst auch die Zufriedenheit. Damit wäre der AfD der wichtigste Nährboden entzogen.“

 

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