Bücher entblättern ihre Geheimnisse

Jürgen Boebers-Süßmann

Leporello? Was ist das denn? – Vielleicht kennt der ein oder andere den Begriff aus der Opernwelt: Der Diener Leporello spielt eine wichtige Rolle in Mozarts Meisterwerk „Don Giovanni“. Aber Leporello steht eben auch für eine besondere Form des Buches. Was sich zurzeit gut in der Uni-Bibliothek an der Ruhr-Universität nachvollziehen lässt. Die dortige Ausstellung „Leporello’s Erben“ legt den Schwerpunkt auf Faltbücher, die seit den 1960er Jahren international publiziert wurden.

Bemerkenswertes Phänomen

Zwar stimmt es, dass die zunehmende Digitalisierung der Buchkultur, des Buchmarkts und des Literaturbetriebs kaum zu stoppen ist. Und doch ist damit – Stichwort: Entmaterialisierung von Wissenskulturen – auch ein neues Bewusstsein für handfeste Bücher entwickelt. Hier kommt das Phänomen „Leporello“ ins Spiel, denn es gilt als ein besonders bemerkenswertes Buchphänomen.

Das Leporello, auch Akkordeon- oder Faltbuch genannt, hat doppelte Qualität: Es lässt sich sowohl entfaltet im Ganzen als auch in Teilen betrachten – was die Darstellungsform gerade hinsichtlich der künstlerischen oder literarischen Möglichkeiten wertvoll macht. Leporellos gibt’s schon lange: Als historische Buchform speist sie sich aus vielen Traditionslinien, die nicht auf Europa beschränkt, sondern auch in anderen Kulturen zu finden sind.

Nach wie vor beliebt

Mit der Eroberung Südamerikas wurden auch auf dem alten Kontinent die antiken „Codices“ der frühen südamerikanischen Hochkulturen bekannt, von denen viele gefaltete Leporellos waren. Auch der asiatische Kulturraum weist Zeugnisse früher Faltbilder und Faltbücher auf. In Europa und Nordamerika war das Leporello zunächst nicht sehr verbreitet, als Buchform mit eigenem Charme und Stil erlebte es seine Renaissance erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dafür aber nachhaltig.

Denn bis heute sind Aufstell- und Pop-Up-Bücher – die es ermöglichen, ein Buch auf unkonventionelle Weise zu betrachten – sehr beliebt. Übrigens bei Erwachsenen und Kindern gleichermaßen.

Die Auswahl der in der RUB-Ausstellung gezeigten künstlerischen und literarischen Leporellos spiegelt die enorme Bandbreite wider. Sie vereint Arbeiten von Künstlern unterschiedlicher Traditionen und Kulturräume: von Südamerika, über die USA, Europa und Russland bis nach Asien. Hier lohnt der genaue Blick, denn es gibt im Wortsinn viel zu sehen. Sehr interessant! Auf dass „Leporello“ zu einem Wegfährten auch für jene werde, die ihn bislang nicht kannten.