Bochums Oberbürgermeisterin Scholz fällt der Abschied schwer

Thomas Schmitt
Dieses Rathaus nimmt sie mit: Bochums Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz leitet am Donnerstag ihre letzte Ratssitzung.
Dieses Rathaus nimmt sie mit: Bochums Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz leitet am Donnerstag ihre letzte Ratssitzung.
Foto: Ingo Otto / Funke Foto Services
In 19 Tagen endet im Rathaus eine Ära: Ottilie Scholz quittiert nach 16 Jahren ihren Dienst. An diesem Donnerstag leitet sie ihre letzte Ratssitzung.

Bochum. Klar, ein Trikot des VfL gehört auch zu den vielen Geschenken, die Ottilie Scholz auf ihrer Abschiedstournee in diesen Tagen einsammelt. Die Rückennummer 16 steht für 16 Jahre Dienst im Rathaus. Ein Symbol, das passt. Eine 67, als Anspielung aufs Alter, hätte die Oberbürgermeisterin wohl abgelehnt.

Wer Ottilie Scholz nur ein bisschen kennt, weiß, dass ihr der Rückzug aufs Altenteil schwer fällt. War der Verzicht auf eine erneute Kandidatur wirklich freiwillig oder hat die Partei Druck gemacht? „Das war eine absolut freie Entscheidung“, sagt Scholz, „wer anderes als ich hätte die treffen können.“ Entscheidend sei der Blick aufs Alter gewesen. 2020, am Ende der nächsten OB-Amtszeit, wäre sie 72 gewesen. „Das kann gut gehen, aber wehe, wenn etwas schief läuft. Dann heißt es doch: Musste die noch weiter machen, warum lässt die auch keine jungen Leute mit neuen Ideen ran.“

Scholz weiß, wie die Menschen ticken – und die Medien. 2009 wurde die SPD-Politikerin bundesweit als „Spaßbremse“ diffamiert – und musste kübelweise Häme über sich ergehen lassen, weil sie die Loveparade, die 2010 in Duisburg in eine Katastrophe mündete, eigenständig, ohne Beteiligung des Rates, aus Sicherheitsgründen abgesagt hatte. „Ich musste damals ertragen, dass Leute wie Zöpel, Rüttgers, Hinz und Kunz das kritisierten und Bochum als provinziell bezeichneten. Ein Jahr später dann war ich mit Weisheit beschlagen“, sagt Scholz.

„Hart an der Kante“ war sie Ende 2012, als die Affäre um den Atriumtalk auf dem Höhepunkt war und sie sich von vielen Bürgern und von den Medien den Vorwurf gefallen lassen musste, eine schlechte Krisenmanagerin zu sein. Bis heute weist Scholz diesen Vorwurf zurück. „Ich war für dieses Durcheinander nicht verantwortlich. Ich hatte doch keinen Einfluss auf die Verträge. Und die Beteiligten waren anfangs eben nicht bereit, alles auf den Tisch zu legen.“

Cross-Border durchgeboxt

Im Kreuzfeuer der Kritik stand Scholz aber schon ein Jahr vor ihrer Wahl zur OB. 2003 boxte sie als Kämmerin ein Cross-Border-Geschäft zum Bochumer Kanalnetz durch, das von vielen Bürgern abgelehnt worden war und später zu einem großen Risiko für den städtischen Haushalt wurde.

Große Krisen und der Verlust tausender Arbeitsplätze begleiteten die OB vom ersten Tag an. Opel, Nokia, Outokumpu. Kein Wunder, dass Scholz zu den Höhepunkten ihrer Amtszeit die Entscheidung 2008 zur Ansiedlung des Gesundheitscampus zählt, das gemeinhin als Trostpflaster für Nokia gilt. „Darüber habe ich mich unglaublich gefreut.“ Ein wenig stolz ist sie zudem auf die Kooperation von Stadt und Hochschulen, die sie von Anfang an als OB unterstützt hat. „Bochum hoch vier hat es schon länger gegeben, aber in den vergangenen fünf Jahren hat das unter dem Namen Univercity eine ganz neue Qualität bekommen. Das finde ich toll.“

Während Scholz noch den Bau des Musikzentrums auf den Weg bringen und die Neuaufstellung der Wirtschaftsförderung begleiten konnte, sind andere Hausaufgaben im Rathaus liegen geblieben. Immer noch fehlt ein Personalentwicklungskonzept für die Verwaltung und die große Erfolg versprechende Idee für den Wohnungsbau. „Ich setze beim Thema Wohnen sehr auf den neuen Stadtbaurat“, sagt Scholz – und man merkt der promovierten Sozialwissenschaftlerin an, wie schwer ihr das Loslassen fällt.

Ebenso wie das Aufräumen. Seit Wochen schon sichtet Scholz ihre Unterlagen in Regalen, Schränken und Schreibtischen. Immer abends, wenn Sie Zeit und keine Termine mehr hat. „Schrecklich“ findet sie das. „Aber nur ich kann entscheiden, was archiviert oder weggeworfen werden muss.“ Nicht nur die Zeit als OB kann sie dabei Revue passieren lassen. „Es gibt noch 19 Kisten mit Unterlagen aus meiner Zeit als Kämmerin.“

„Otti“ – ein Kompliment, kein Makel

Heute in 19 Tagen müsste sie fertig sein. Aussichtslos! „Vielleicht gibt man mir ja noch einen Raum, wo ich etwas abstellen und dann später sichten kann“, hofft „Otti“, wie sie von vielen Bochumern genannt wird. Für die meisten ist „Otti“ nicht Ausdruck mangelnden Respekts, sondern ein Kompliment. Es spiegelt die Bürgernähe der OB, die bei Vereinen, Verbänden und Initiativen in den vergangenen elf Jahren ebenso präsent war wie in der Stadtgesellschaft von Amts wegen.

Pläne für die Zukunft hat Scholz noch nicht. „Mir fehlt die Zeit darüber nachzudenken.“ Ab dem 21. Oktober kann sie das zu Hause tun – mit Blick aufs Rathaus. Zum Abschied schenkten ihr die Amtsleiter ein riesiges Foto von dem Verwaltungsgebäude, in dessen Fenstern die Führungsriege zu sehen ist.