Bochums Baurat Kratzsch fühlt sich von Politik ausgebremst

Stadtbaurat Ernst Kratzsch feiert am Montag seinen Abschied im Bochumer Rathaus.
Stadtbaurat Ernst Kratzsch feiert am Montag seinen Abschied im Bochumer Rathaus.
Foto: WAZ FotoPool / Ingo Otto
Das politische Bochum senkte nach acht Jahren den Daumen. Obwohl Stadtbaurat Dr. Ernst Kratzsch seine Bereitschaft zur Wiederwahl erklärt hatte, ließ die rot-grüne Koalition den SPD-Mann fallen. Montagnachmittag findet im Rathaus eine Feierstunde zum Abschied statt. WAZ-Redakteur Thomas Schmitt sprach vorab mit dem 62-Jährigen.

Bochum.. Das politische Bochum senkte nach acht Jahren den Daumen. Obwohl Stadtbaurat Dr. Ernst Kratzsch seine Bereitschaft zur Wiederwahl erklärt hatte, ließ die rot-grüne Koalition den SPD-Mann fallen. Montagnachmittag findet im Rathaus eine Feierstunde zum Abschied statt. WAZ-Redakteur Thomas Schmitt sprach vorab mit dem 62-Jährigen.

Herr Kratzsch, wie fällt Ihre persönliche Bilanz nach acht Jahren aus? Was war „made by Kratzsch“?

Dr. Ernst Kratzsch: Ich habe mich stets sehr dafür eingesetzt, dass wir im direkten Zusammenspiel mit Investoren unsere Arbeit erledigen. Schnell und zügig. Dass wir zu Entscheidungen kommen und es voran geht.

Welche großen Entwicklungen haben Sie angestoßen?

Kratzsch: Von 2006 bis 2010 haben wir viel für die Kulturhauptstadt gearbeitet. Parallel kam dazu ab 2010 das Thema Wohnbauflächen groß auf und jetzt zum Schluss das Thema Opel – mit einem eigentlich sehr glücklichen Ende: Wir haben ein halbes Jahr vor Produktionsschluss ein Strukturkonzept, wissen wie der Bebauungsplan aussieht und haben einen Förderantrag gestellt. Wenn Opel abzieht, können wir sofort beginnen.

Platz des Europäischen Versprechens

Zur Kulturhauptstadt gehört das Desaster mit dem Platz des Europäischen Versprechens.

Kratzsch: Das Projekt hat stets darunter gelitten, dass es unterschiedliche Erwartungen in Politik und Verwaltung gab. Beide Seiten sind mitunter sehr blauäugig an die Sache herangegangen. Ich bin aber derjenige, dem es gelungen ist, die finanziellen Mittel für die Namensplatten aufzubringen, so dass wir nicht mit einem Torso leben müssen.

Was bleibt Ihnen besonders in Erinnerung?

Kratzsch: Es gibt viele Projekte, mit denen ich mich gut identifizieren kann. Ein Beispiel ist die Umgestaltung der A40. Dafür haben wir einen Städtebaupreis bekommen. Die Ergebnisse sind mit der Farbgestaltung im Bereich Wattenscheid oder kleinen Sprüchen an den Brücken deutlich zu sehen. Für den Umbau der A 43 auf sechs Spuren entsteht derzeit ein Gestaltungskonzept, das sich an unserer Arbeit orientiert. Ein zweites Projekt ist die Marienkirche und das Musikzentrum. Wir haben den Abriss der Kirche verhindern können. Die Planungsrochaden in der Innenstadt mit dem Neubau des Neuen Gymnasiums und dem Umzug des Justizzentrums sind weitere Beispiele.

Bochum hat es auf dem Immobilienmarkt schwer

In Ihre Zeit in unserer Stadt fallen auch der Masterplan für die Zusammenarbeit von Universitäten und Stadt Bochum sowie die Gründung des Gesundheitscampus. Die Entwicklung der städtischen Flächen stagniert aber. Was haben Sie falsch gemacht?

Kratzsch: Nichts. Es hat nie Probleme gegeben mit der Bereitstellung von Flächen, mit Planungsrecht oder Baugenehmigungen. Der Gesundheitscampus ist in Rekordzeit aus dem Boden gewachsen. Bochum hat es aber auf dem Immobilienmarkt außerordentlich schwer.

Wie meinen Sie das? Können Sie das belegen?

Kratzsch: Die vergangenen Jahre waren geprägt von den Diskussionen um Opel. Ich habe viele Freunde, die in irgendwelchen Immobilienfonds sitzen und jedes Jahr 40 bis 100 Millionen Euro verbauen müssen. Aber wenn man die anrief, dann fragten sie immer, wie sie ihrem Vorstand bei den vielen negativen Schlagzeilen ein Investment in Bochum erklären sollten.

Sie haben sich während Ihrer Arbeit in Bochum stets auch für den Umwelt- und Klimaschutz stark gemacht, oder?

Kratzsch: Ja, natürlich. Bei Innovation-City haben wir es unter die letzten fünf Bewerber geschafft. Die Daten und Fakten, die wir damals erhoben haben, helfen uns heute noch. Zum Beispiel bei der Entwicklung von Fördergebieten wie Wattenscheid oder Langendreer und Werne. Wir haben den European Energy Award in Gold bekommen, auch in der Fortschreibung. Das ist selten für so große Städte.

In Sachen Radwege zu wenig erreicht

Kritisiert wurde aus der Opposition heraus immer wieder Ihr Engagement für ein besseres Radwegenetz in Bochum. Außenstehende indes teilen Ihre Sicht und sprechen offen von der Radfahrer-Hölle Bochum.

Kratzsch: Es gibt in Bochum eine tief verwurzelte Einstellung zur Mobilität, die durch den Autoverkehr geprägt ist. Wir haben bislang in Sachen Radwege viel zu wenig erreicht. Städte wie Essen und Dortmund zeigen, was man machen kann. Hier wird ein Strukturproblem deutlich. Die Politik denkt viel konservativer als die Verwaltung.

Was ist in Ihrer Amtszeit nicht so gut gelaufen?

Kratzsch: Beim Wohnbaulandkonzept sind wir nicht so schnell voran gekommen, wie wir es uns gewünscht haben. Die Verwaltung hat zwei Mal einen Vorschlag gemacht, aber die Politik hat es abweichend anders entschieden. Insbesondere meine SPD. Ein ähnliches Beispiel ist die Suche nach einem Standort für die Technischen Betriebe. Seit drei Jahren treten wir auf der Stelle.

Stichwort „Ihre SPD“. Wie groß ist die Enttäuschung, dass die Partei Ihnen den Stuhl vor die Tür setzte?

Kratzsch: Die SPD setzt sich aus vielen Personen und Gruppen zusammen. Letztlich ging es um die Frage, wie weit verbiege ich mich. Ich habe mich für meinen Weg entschieden und Themen so gespielt, wie ich sie sachlich und fachlich für richtig erachte. Wenn das auf der anderen Seite nicht akzeptiert wird, muss man sich trennen.

Arbeiten für Bürger und Investoren

Der Vorwurf einer großen Mehrheit im Rat lautet: Stadtbaurat Kratzsch informierte zu wenig und ging lieber seinen eigenen Weg. Das kann ein Dezernent vielleicht in Rheine machen, aber nicht in Bochum.

Kratzsch: Ich habe mich stets an meinem planerischen Verständnis orientiert, Themen aufgegriffen, strukturiert und der Politik zur Beratung vorgelegt. Die Frage aber ist doch, wie weit man auf politische Vorgaben und Wünsche eingehen kann. Ich war ja erst kurz in Bochum, als es den ersten großen Dissens gab. Obwohl es der Masterplan für den Einzelhandel ausschloss, befürworteten einige Ratsmitglieder plötzlich eine mögliche Ansiedlung von Ikea. Letztlich arbeiten wir nicht für uns und den politischen Apparat, sondern für Investoren und Bürger, die etwas umsetzen und bauen wollen. Es geht darum zügig und schnell zu sein. Das kann dann schon einmal die Chronologie einer internen Abstimmung stören.

Hand aufs Herz, wie gern wären Sie noch drei Jahre geblieben, um zum Beispiel die Fertigstellung von Musik- und Justizzentrum zu begleiten?

Kratzsch: Irgendetwas ist immer nicht fertig. Ich habe meine Hausaufgaben hier erledigt.

 
 

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