Bochumer Wohlfahrtsverbände schlagen Alarm

Andreas Rorowski
Typische Zeitarbeit wie Reinigungstätigkeiten münden nach Einschätzung des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung nur selten zu einem regulären Beschäftigungsverhältnis.
Typische Zeitarbeit wie Reinigungstätigkeiten münden nach Einschätzung des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung nur selten zu einem regulären Beschäftigungsverhältnis.
Foto: dpa
  • Nur wenige Hartz-IV-Bezieher finden eine sozialversicherungspflichtige Stelle
  • Viele Rückkehrer in die Berufswelt müssen bald wieder Unterstützung beantragen
  • „Für die Schwächsten brauchen wir einen geschützten Beschäftigungsmarkt“, sagt Jobcenter-Chef Frank Böttcher

Bochum.  Die landesweit schlechten Chancen für Hartz-IV-Empfänger auf dem Arbeitsmarkt gelten auch für Bochum. Das ist die ernüchternde Erkenntnis des jüngsten Arbeitslosenreports NRW, den die Wohlfahrtsverbände im Land veröffentlicht haben. „Demnach gelang es im vergangenen Jahr pro Monat durchschnittlich nur 1,4 Prozent der Betroffenen, eine sozialversicherungspflichtige Stelle zu finden“, heißt es in dem Report. Die Rede ist von „desaströsen Arbeitsmarktchancen“.

Schwer wiegt zudem, dass der Ausstieg aus dem Leistungsbezug häufig nicht von Dauer ist. Von den insgesamt 9936 Personen, die 2015 den Hartz-IV-Bezug beendet haben, musste knapp ein Viertel binnen drei Monaten erneut Unterstützung vom Jobcenter beantragen. Häufig seien dafür instabile und befristete Jobs, etwa in der Leiharbeit, der Grund. Die Leiharbeitsbranche wiederum belegt nicht nur in NRW mit 28 Prozent Platz eins bei den vormals arbeitslosen Hartz-IV-Empfängern. Auch in Bochum ist ihr Anteil (22 Prozent) hoch. Dabei habe das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung ermittelt, dass die Branche „nur eine geringe Brückenfunktion in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis“ habe.

„Es genügt nicht, Menschen nur kurzfristig in Arbeit zu bringen. Sie müssen dauerhaft in Arbeit bleiben“, sagt Caritas-Direktor Ulrich Kemner, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrtspflege in Bochum. Auch nach der Aufnahme einer Beschäftigung müsse es eine fachliche Beratung und aktive Unterstützung geben. Kemner fordert Jobcenter und Arbeitgeber auf, dafür ein neues Instrumentarium zu nutzen. Fachkräfte coachen dabei in den ersten sechs Monaten die ehemaligen Langzeitarbeitslosen und helfen auch als eine Art Krisenmanager, mögliche Beschäftigungsabbrüche zu verhindern.

Eine Forderung, der sich Jobcenter-Geschäftsführer Frank Böttcher grundsätzlich nicht verschließt. „Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, unsere Kunden in den ersten Monaten des Wiedereintritts in den Beruf zu begleiten.“ Und auch in einem anderen Punkt stimmt er mit den Wohlfahrtsverbänden überein: „Für die Schwächsten benötigen wir einen geschützten Raum, in dem sie wieder Fuß fassen und Zutrauen gewinnen können“, so Böttcher. Das dürfe keine Sackgasse sein, die Perspektive müsse immer der erste Arbeitsmarkt sein.

Er macht sich ebenso wie die AG der Bochumer Wohlfahrtsverbände stark für geschützte und geförderte Arbeitsplätze. Diese zu schaffen, sei indes eine politische Entscheidung. Sicher sei: „Mit Sonderprogrammen, wie wir sie bis jetzt kennen, werden wir dem Phänomen der Dauerarbeitslosigkeit nicht gerecht“, so der Jobcenter-Chef.

Bislang fehle vor allem mehr Zeit für die Eingliederung von Langzeitarbeitslosen, um etwa Drehtüreffekten vorzubeugen und zu verhindern, dass ehemalige Langzeitarbeitslose mit dem Ende eines Programms beinahe automatisch wieder in der Arbeitslosigkeit landen.