Bochumer Rettungsdienst wird immer öfter attackiert

Mit einem Notfallrucksack wehren Sanitäter Tobias Eweleit (vorn) und Rettungsassistent Andre Steffen einen aggressiven Patienten ab. Diese – hier gestellte Szene – wird bei der Feuerwehr in Kursen trainiert.
Mit einem Notfallrucksack wehren Sanitäter Tobias Eweleit (vorn) und Rettungsassistent Andre Steffen einen aggressiven Patienten ab. Diese – hier gestellte Szene – wird bei der Feuerwehr in Kursen trainiert.
Foto: Dietmar Wäsche / FUNKE Foto Serv
Einige Patienten greifen paradoxerweise genau die an, die ihnen helfen wollen. Deshalb lernen die Mitarbeiter jetzt in Kursen Deeskalation und Selbstverteidigung.

Bochum. Sie fahren raus, um Menschen in Not zu helfen, werden dann aber von denselben Menschen manchmal bespuckt, getreten und geschlagen. Davon berichten Mitarbeiter des Rettungsdienstes der Feuerwehr Bochum. Die hat jetzt auf dieses bizarre Phänomen reagiert: In Fortbildungskursen liegt ein Schwerpunkt auf Selbstverteidigung und Deeskalation. Ein Fachmann der Polizei zeigt ihnen genau, wie sie bei Einsätze am besten auf aggressive Patienten reagieren und wie sie sich vor Ort Fluchtwege offenhalten.

Gewalt gegen Einsatzkräfte sei „gefühlt ein zunehmendes Thema“ bei der Feuerwehr, sagt Martin Weber, der Leiter des Rettungsdienstes. Der 32-Jährige berichtet, dass im vorigen Jahr ein Team mit einem Messer angegriffen wurde; verletzt wurde keiner. In einem Rettungswagen wurde ein Mitarbeiter von einem Patienten geschlagen und mit Blut bespritzt. Eine weitere Besatzung wurde von einem Mann geschlagen und rechtsradikal angepöbelt, weil sie ihn nicht ins Krankenhaus bringen wollte. Der Mann hatte die 112 gerufen, ohne dass ihm gesundheitlich etwas gefehlt hätte.

Alle Täter anzeigen

Die Feuerwehr spricht von mindestens sechs Fällen im vergangenen Jahr. Dazu kommt noch eine Dunkelziffer an reinen Beschimpfungen, die von den Mitarbeitern nicht gemeldet wurden. Die Feuerwehr hat ihre Mitarbeiter deshalb angewiesen, dass jeder einzelne Vorfall gemeldet werden muss. Die Täter werden angezeigt.

„Wir wollen eine Null-Toleranz-Strategie fahren“, sagt Weber. „Wir sind für alle Bürger da, aber wir erwarten auch, dass der normale menschliche Umgang gewahrt wird. Mehr wollen wir gar nicht.“

In einigen Fällen sind die Täter alkoholisiert oder haben illegale Drogen im Blut. Weber glaubt, dass sie Freund und Feind nicht mehr unterscheiden können.

Ohnehin steht der Rettungsdienst zunehmend unter Druck. In 2015 ist die Anzahl der Einsätze so stark gestiegen wie noch nie – um sieben Prozent. Es gab 33.464 Rettungseinsätze wegen medizinischer Notfälle oder wegen anderer Notlagen.

Mehr Einsätze für Rettungskräfte

Den Anstieg der Rettungsdiensteinsätze erklärt Weber unter anderem mit der Zunahme an Flüchtlingen. 1170 Einsätze hat es im Vorjahr in ihren Unterkünften gegeben. Weber erklärt dies damit, dass Flüchtlinge durch die Strapazen ihrer Flucht oft geschwächt seien. Zudem gebe es Sprachprobleme: Um auf Nummer sicher zu gehen, würde der Sicherheitsdienst der Unterkünfte den Notruf 112 wählen statt einen Hausarzt zu konsultieren.

Zudem rufen einige Bochumer bei Bagatell-Fällen wie Husten, Schnupfen, Heiserkeit aus reiner Bequemlichkeit den Rettungsdienst und nicht den Hausarzt oder hausärztlichen Notdienst (Telefonnummer: 116 117). Auch diese Bequemlichkeit, so Weber, sorge dafür, dass die Einsatzzahlen so stark angestiegen seien. „Die Notaufnahme ist nicht dazu da, Lappalien zu behandeln.“ Er stellt aber klar: Bei wirklichen Notfällen oder Verdachtsfällen helfe der Notruf 112 selbstverständlich.

Mehr als 32.000 Krankentransporte

Neben den 33.464 Rettungseinsätzen (Notfälle, Lebensgefahr nicht ausgeschlossen) organisierte der Rettungsdienst mehr als 32 000 Krankentransporte. Diese teilte er sich aber mit den privaten Unternehmen.

Wegen des wachsenden Arbeitsdrucks hat die Feuerwehr die Anzahl ihrer nach Tarif angestellten Rettungskräfte (nicht verbeamtet) seit dem Jahr 2012 von zwölf auf jetzt 41 erhöht.

Rettungsdienst-Chef Weber appelliert an die Bürger, nicht wegzugucken, wenn jemand Hilfe braucht oder zu brauchen scheint. Jede Sekunde zählt! Und: Deutsche seien im europäischen Vergleich nicht fit bei Erste.

 
 

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