Bochumer Palliativnetz betreut immer mehr Sterbenskranke

Das Hospiz St. Hildegard an der Königsallee (hier Schwester Sabine am Bett eines Gastes) arbeitet eng mit dem Palliativnetz zusammen.
Das Hospiz St. Hildegard an der Königsallee (hier Schwester Sabine am Bett eines Gastes) arbeitet eng mit dem Palliativnetz zusammen.
Foto: Dietmar Wäsche / FUNKE Foto Ser
Sterben in Würde: Das will das Palliativnetz Bochum ermöglichen. Allein im vergangenen Jahr wurden 1700 todkranke Patienten betreut.

Bochum. Der Vater ist erst Mitte 40. Und muss in diesen Tagen doch Abschied nehmen von seiner so geliebten Familie. Krebs im Endstadium. „Die Tochter ist drei Jahre jung. Das geht auch mir an die Nieren“, sagt Klaus Blum. Der Eppendorfer Allgemeinmediziner lebt mit dem Tod: als einer von sechs Ärzten im Palliativnetz Bochum.

4500 Menschen sterben jährlich in unserer Stadt. Mehr als jeder Vierte hat zuvor Beistand durch das Palliativnetz erfahren. 2005 gegründet, hat sich der Verein eine Aufgabe gesetzt: todkranke Patienten auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Und das bedeutet mehr als ihnen Schmerzen, Übelkeit oder Luftnot zu nehmen. „Nicht dem Leben mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben zu geben: Das ist unsere eigentliche, tägliche Motivation“, sagt Klaus Blum, neben Dr. Birgitta Behringer, Dr. Bettina Claßen, Dr. Klaus Egen, Dr. Mathias Heer und Dr. Matthias Thöns einer von sechs niedergelassenen, zusätzlich ausgebildeten Ärzten, die sich im Palliativnetz engagieren, das am Wochenende die erste eigene Fachtagung im Ruhrcongress veranstaltet (siehe Info-Kasten).

1700 Patienten im Jahr

Das Netz für Patienten und ihre Familien ist engmaschig geknüpft:
– Neben den sechs Ärzten sind sechs eigens geschulte Pflegekräfte („Koordinatoren“) im Einsatz.
– Die Alpha-Apotheke und das Sanitätshaus Möller zählen ebenso zu den Palliativpartnern wie
– die stadtweit vier Ambulanten Hospizdienste mit ihren bis zu 40 ehrenamtlichen Helfern,
– die Ambulanten Pflegedienste der Augusta-Klinik und der Familien- und Krankenpflege,
– das Hospiz St. Hildegard an der Königsallee mit Platz für elf „Gäste“, wie sie hier respektvoll genannt werden (177 waren es 2014), und
– die Palliativstationen im Augusta, Bergmannsheil, St. Josef- und St. Josefs-Hospital und Knappschaftskrankenhaus Langendreer.

„Wir erreichen immer häufiger, was wir erreichen wollen. 80 Prozent der von uns betreuten Menschen sterben daheim oder – auf eigenen Wunsch – im Hospiz“, sagt Vorstandsmitglied Christiane Breddemann, Leiterin der Ambulanten Augusta-Dienste. „Das ist ganz sicher ein Verdienst der Teamarbeit, die wir mit unseren Kooperationspartnern leisten“, bekräftigt Vorstandskollege Karl-Georg Spanke (Alpha-Apotheke).

Die Zahl der Patienten wächst stetig. 1700 Bochumer hat das Netzwerk allein im vergangenen Jahr betreut. „Jährlich werden es rund 200 Menschen mehr“, berichtet Klaus Blum. Die Statistik weist zudem aus: Lungen-, Darm-, Brust- und Bauchspeicheldrüsenkrebs sind in dieser Reihenfolge die häufigsten Todesursachen. Und: Es gibt immer mehr „Frühsterbende“, wie sie in der Medizinsprache heißen. Frauen und Männer, die in viel zu frühen Jahren einer schweren Krankheit erliegen. Schicksale, die auch den Ärzten nahe gehen. „Seitdem ich in der Palliativarbeit bin, lebe ich anders, bewusster“, sagt Klaus Blum. Sein Lebenscredo im Anblick des unermesslichen Leids: Carpe diem. Genieße den Tag!

Hausarzt hat zentrale Bedeutung

Bei aller Anteilnahme und Trauer: Den Humor haben sie im Palliativnetz nicht verloren. „Calzone“ nennen sie die einem Pizza-Karton ähnliche Notfallbox, die den Erkrankten nach der ersten Kontaktaufnahme ins Haus gebracht wird.

Informiert wird das Netzwerk-Büro an der Bergstraße in der Regel vom Hausarzt. „Er kennt den Patienten am besten und weiß, ob und wann unser Einsatz sinnvoll und notwendig ist“, schildert Vorstandsmitglied Klaus Blum. Auch Altenheime, Pflegedienste und Angehörige schalten die Experten ein.

Nach Postleitzahlen aufgeteilt

Die sechs Palliativärzte haben sich das Stadtgebiet nach Postleitzahlen aufgeteilt. Haben sich die Pflegekräfte des Netzwerks ein erstes Bild verschafft, kommen die Mediziner ins Haus oder ins Heim: möglichst binnen einer Woche. Denn oft drängt die Zeit. Es gilt, dem Patienten zu allererst die Schmerzen zu nehmen (dazu dient die Notfallbox mit Tabletten und Infusionen) und ihm ein Höchstmaß an Lebensqualität zu geben.

Die in Jahren erprobte Zusammenarbeit der Netzwerk-Partner („die ist bundesweit einmalig“, betont Blum) soll eine schnelle und umfassende Versorgung gewährleisten: Eine rote Mappe enthält alle Infos und Ansprechpartner: Hilfe aus einer Hand. Eine besondere Bedeutung kommt dabei den Ambulanten Hospizdiensten zu, die auch den Angehörigen in diesen so schweren Tagen, Wochen, vielleicht Monaten beistehen. Die Unterstützung ist vielfältig, Sie reicht vom Gassigehen mit dem Hund bis zur Vermittlung eines Palliativarztes vor Ort bei einer wohl allerletzten Urlaubsreise.

Die Hauptarbeit ruht auf den Schultern von Ehrenamtlern. „Palliativarbeit ist mein ,Hobby’“, sagt etwa Hausarzt Blum. Als schönsten Lohn betrachten die Helfer eine Zeile, die in WAZ-Todesanzeigen zu lesen ist: „Wir danken dem Palliativnetz Bochum.“

 
 

EURE FAVORITEN