Bochumer Kriminologen: Zu Hause droht die größte Gefahr

Markus Rensinghoff
Die Hauptgefahren
Die Hauptgefahren
Foto: dpa
  • Studie wurde erstmals 1975 durchgeführt
  • Angeschrieben wurden 3500 Bochumer, mitgemacht haben 732
  • 19 Prozent der Befragten gaben an, Angst davor zu haben, Opfer einer Straftat zu werden

Bochum. Zu Hause ist es nicht nur am schönsten, sondern auch am sichersten. Das zumindest denken die meisten Bochumer. „Dabei ist die eigene Wohnung, das eigene Haus der unsicherste Ort überhaupt“, sagt Professor Thomas Feltes, Leiter des Lehrstuhls für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft an der Ruhr-Uni. „Die Hauptgefahren sind häusliche Gewalt, sexueller Missbrauch und vor allem Unfälle.“

Vierte Umfrage seit 1975

Zum vierten Mal seit 1975 befragten Kriminologen der Ruhr-Uni Bürger zu ihren Erfahrungen mit Kriminalität und Polizei sowie zu ihren Ängsten. Es ist eine Premiere. Noch nie gab es in Deutschland eine solche Studie über so einen langen Zeitraum. Zwischen dem 30. Mai und dem 8. Juli wurden 3500 zufällig ausgewählte Menschen – jeder fünfzigste aus der Einwohnermeldekartei – für die Studie „Kriminalitätsphänome im Langzeitvergleich am Beispiel einer deutschen Großstadt“ angeschrieben, 732 von ihnen machten mit. Feltes: „Die Ergebnisse offenbaren eine wenig rationale Gefahreneinschätzung der Menschen und eine gestiegene Furcht vor Verbrechen. Deutsche sind besonders ängstlich.“

Obwohl die Kriminalität in Deutschland im Vergleich zur letzten Umfrage im Jahr 1998 um zwei Prozent gesunken ist. „Die Bevölkerung aber ist generell verunsichert“, sagt Feltes. Dabei sei es noch nie so sicher gewesen wie jetzt, in Deutschland zu leben. „Die Verunsicherung wird ausgelöst durch Terrorismus, Globalisierung, also dass Menschen mit dem Schlauchboot aus Afrika herkommen, die Sozialsysteme, die zunehmend als unsicher wahrgenommen werden, und ein vom Zerfall bedrohtes Europa. Das sind wenig greifbare Ängste. Sie aber können sich in gestiegener Verbrechensfurcht äußern.“

Viele befürchten beraubt zu werden

Dieses Phänomen bestätigt sich in allen Befragungen. Viel mehr Menschen gehen davon aus, eine Straftat zu erleiden, als tatsächlich Opfer werden. „Bei der Umfrage gaben 19 Prozent an, dass sie fürchten, im kommenden Jahr beraubt zu werden“, sagt Feltes. „Tatsächlich wurden laut eigenen Angaben nur 0,3 Prozent im vergangenen Jahr beraubt.“ Auffällig im Gegensatz dazu: Rund 15 Prozent der Befragten wurden nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr Opfer einer Straftat. Damit wurden in Bochum 2015 schätzungsweise knapp doppelt so viele Straftaten begangen, wie in der Polizeilichen Kriminalstatistik ausgewiesen werden. Die „Dunkelzifferrelation“ beträgt 1:1,8. Das heißt, auf eine von der Polizei registrierte Straftat kommen 1,8 Taten, die nicht registriert sind. Im Vergleich zu 1998 aber werden dennoch deutlich mehr Straftaten angezeigt.

Erfreulich sei aber laut Feltes, „dass im Vergleich zu 1998 weniger Bochumer aus Angst vor Verbrechen zu Hause bleiben“.