Bochumer ist Ehrenbürger einer bolivianischen Stadt

Martin Strätker mit seinen Alpakas, die weit mehr sind als „Rasenmäher.“
Martin Strätker mit seinen Alpakas, die weit mehr sind als „Rasenmäher.“
Foto: waz
Martin Strätker stammt aus Bochum-Riemke. Am Titicacasee lebt er seinen Traum und hat sogar Umweltprojekte initiiert und umgesetzt.

Bochum.. Martin Strätkers Blick schweift über den Titicacasee. Vor rund 20 Jahren hat er Copacabana, den Ort auf der bolivianischen Seite des höchstgelegenen schiffbaren Sees, entdeckt. Der 51-Jährige, der in Riemke bei Pflegeeltern aufwuchs, war fasziniert – und kaufte spontan eine Bruchbude für 2000 Dollar. Jahre später entwickelte er daraus ein Hostel mit selbst gebauten Bungalows. Und weil er sich seitdem für die Gemeinde engagiert, ist der Mann aus dem Ruhrgebiet vom Bürgermeister zum „Hijo del sol“ ernannt worden, eine Art Ehrenbürgerwürde der Stadt.

Seine erste Erfahrung im Ausland machte Strätker mit 16. Er besuchte als Jugendlicher die Hibernia-Schule, wo man nicht nur Abi macht, sondern gleichzeitig eine Tischlerlehre absolviert. Die Schüler sollten ein Praktikum machen – und er entschied sich, in ein Kinderheim nach Schottland zu gehen. Eine prägende Erfahrung. „Das war klasse, wir haben einen Spielplatz gebaut und ich habe mich das erste Mal in meinem Leben nützlich gefühlt“, erinnert sich Strätker, der eher ein schüchterner und ernster Junge war. „Aber in einer anderen Sprache war ich ganz anders, habe viel mehr gesprochen. Das war ein bisschen wie Schauspielerei.“

Kunst und Bildhauerei in Deutschland studiert

Nach der Schulzeit kehrte er dann für weitere zwei Jahre nach Schottland zurück. Danach studierte er Kunst und Bildhauerei in Deutschland. Doch auch später zog es ihn immer wieder ins Ausland. Für Reisen oder als Lehrer Anfang der 90er Jahre nach Chile. Direkt nach der Diktatur unterrichtete er Handwerk, aber auch Deutsch. Besonders gut Spanisch konnte Strätker da übrigens noch nicht. „Das war eine Grenzerfahrung, die Chilenen sprechen schnell, sie sind lebhaft.“ Er mochte das Chaos, machte in Südamerika seinen Führerschein. „Aus dem Chaos kann viel entstehen.“ Nach seiner Rückkehr wurde es ihm in Deutschland schnell zu ruhig. „Mit dem geordneten Verkehr kam ich in Deutschland gar nicht klar“, erinnert er sich. Also bewarb er sich für so genannte Reiseprojekte, bei dem beispielsweise jugendliche Prostituierte oder Intensivtäter im Ausland betreut werden. Auf einer dieser Reisen entdeckte er die Hütte am Titicacasee, kaufte sie und blieb.

Strätker, inzwischen mit einer Bolivianerin verheiratet, war schon immer gastfreundlich. Besuch übernachtete im Wohnzimmer, es wurde zusammen gesungen – den Einheimischen brachte er Englisch bei. Irgendwann eröffnete er die ersten offiziellen Gästezimmer. „Die Leute haben mir die Bude eingerannt.“

Orientalische Architektur

Zunächst errichtete er das Hostel „Las Olas.“ Das Haus baute er selbst, ließ sich von orientalischer Architektur inspirieren, einige Dächer zieren Kuppeln. Die benachbarten Bungalows sind noch experimenteller, zum Beispiel die Schnecke. „Ich mag keine eckigen Räume, die setzen enge Grenzen.“ Er entwickelte eine Zeichnung, die bolivianischen Handwerker zweifelten zuerst, ob sich die Ideen von „Don Martin“ wirklich umsetzen ließen – und fingen dann Feuer. Die Bäume fällten sie vom eigenen Grundstück, probierten – und fanden am Ende eine Lösung, die Schnecke zu bauen. „Die Handwerker sind klasse. In Deutschland hätte man mir so einen Bau wahrscheinlich nie genehmigt.“ Er sei eben kein Architekt, sondern Bildhauer. Zur Not werden die geänderten Pläne nachträglich von der Gemeinde legalisiert.

Mittlerweile hat der 51-Jährige mehr Zeit in Bolivien verbracht als in Deutschland. Um nach vielen Jahren die bolivianische Staatsbürgerschaft zu erlangen, lernte der Doppelstaatler sogar die Nationalhymne auswendig.

Er pendelt zwischen Copacabana und dem vier Stunden entfernten La Paz, wo seine Kinder die deutsche Schule besuchten. „Es sind zwei Leben, die ich führe. Eines im quirligen La Paz, eines am ruhigen Titicacasee.“ In seine alte Heimat Bochum kommt er nur noch selten zu Besuch.

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