Bochumer Ausstellung ruft Kriegs-Greuel wach

Jürgen Boebers-Süßmann
Gäste aus Virton / Belgien besuchten die Erste Weltkrieg Ausstellung im Stadtarchiv.
Gäste aus Virton / Belgien besuchten die Erste Weltkrieg Ausstellung im Stadtarchiv.
Foto: WAZ FotoPool
In der Schlacht von Virton/Belgien kämpften 1914 auch Soldaten aus Bochum. Die Ausstellung zum Ersten Weltkrieg im Stadtarchiv zeigt anhand von Fotos und Exponaten die Folgen des Krieges sowohl für die Region Virton als auch für die Kämpfenden und gibt mittels Porträtfotos dem Grauen ein Gesicht.

Bochum. Ein so unbekanntes wie schreckliches Kapitel der Zeitgeschichte öffnet das Stadtarchiv in seiner Ausstellung zum Ersten Weltkrieg: Das Massaker von Virton-Latour, bei dem deutsche Soldaten 71 belgische Zivilisten ermordeten. Ein blutiger, willkürlicher Racheakt, der auch nach 100 Jahren in Belgien nicht vergessen ist. Wie der Besuch einer kleinen Delegation aus Virton in Bochum zeigte.

Die Ausstellung „Zwischen Heimat und Front – Bochum im Ersten Weltkrieg“ folgt u.a. den Spuren Bochumer Soldaten an die Front. Dadurch wird die „andere“ Seite mit in den Blick genommen, so am Beispiel Virtons, wo auch Bochumer Soldaten im August 1914 in Grenzkämpfe gegen die Franzosen gerieten. Doch die Schlacht von Virton hatte auch unmittelbar Auswirkungen auf die Menschen der Kleinstadt in Wallonien.

Andenken an die Jahre 1914/18

Ingrid Wölk, Leiterin des Zentrums für Stadtgeschichte, hatte bei der Vorbereitung der Weltkriegsausstellung die Schatten der Vergangenheit geweckt. Der Bochumer Leo Bär gehörte zu jener kaiserlichen Kompanie, dessen Marschweg sie folgte. Er führte nach Virton, wo Wölk auch mit dem Massaker konfrontiert wurde. Einwohner führten sie ins Musée des Guerres (Kriegsmuseum), wo das Andenken an die Jahre 1914/18 seit 1969 bewahrt wird. Zahlreiche Leihgaben aus Virton sind nun auch in der Bochumer Ausstellung zu sehen. Da war eine Gegeneinladung nur folgerichtig.

„Es ist das erste Mal in 100 Jahren, dass sich Deutsche für unsere Geschichte interessieren“, sagt Freddy Brisy. Niemand, kein Offizieller, kein Privatmann sei in all den Jahrzehnten dort gewesen. Der Name von Ingrid Wölk sei der erste deutsche Name im Besucherbuch des Musée des Guerres überhaupt gewesen.

Dankbarkeit war zu spüren

„Das Massaker ist bis heute ein Trauma bei uns in Virton“, sagt Marlene Katzensteiner. Immer noch seien die Spuren der deutschen Besatzung sichtbar, „das macht ein Vergessen unmöglich“. Im Virton der 50er/60er Jahre habe es „nur Witwen und Kinder“ gegeben, berichtet sie. Die Männer, die zu ihnen gehörten, waren 30 Jahre vorher alle erschossen worden. Entsprechend war der Besuch, der am Freitag endete, ein sehr emotionaler. Gefühle der Trauer kamen hoch, etwa angesichts der über 70 Konterfeis der Erschossenen, die das Stadtarchiv zeigt. Aber auch Dankbarkeit war zu spüren. „Das Leid, das die Deutschen verursacht haben, wird erstmals ausgesprochen, das ist ein erster Schritt“, sagt Katzensteiner.

So wird die Bochumer Ausstellung zu einem behutsamen Schritt der Völkerverständigung über ein ganzes Jahrhundert hinweg.