Bei Schneidermeister Rumberg fangen Maßanzüge bei 1800 € an

Mit der Schere und der Nadel kann Carsten Rumberg meisterlich umgehen. Er schneidert Anzüge auf Maß.
Mit der Schere und der Nadel kann Carsten Rumberg meisterlich umgehen. Er schneidert Anzüge auf Maß.
Foto: WAZ FotoPool / Ingo Otto
Carsten Rumberg ist seit 1997 Schneidermeister, Fachrichtung Herren, und als solcher momentan der einzige Vertreter seines Fachs im Kammerbezirk Bochum. 40 bis 50 Arbeitsstunden benötigt er für einen maßgeschneiderten Anzug. Das hat seinen Preis. Bei 1800 Euro fängt es an.

Bochum. Wenn Carsten Rumberg zur Innungsversammlung geht, würde als Treffpunkt im Zweifelsfall ein Stehtisch im Bistro oder eine Telefonzelle genügen. Die Teilnehmerzahl ist übersichtlich, es sind deren zwei – er, der Schneidermeister, Fachrichtung Herren, und eine Meisterin, Fachrichtung Damen. „Unsere Fachrichtung stirbt aus“, sagt er. So sehr Mode über Fernsehen und Werbung unser Leben beeinflusst: Sie kommt meistens von der Stange und aus fernen Ländern, die meisterliche Maßarbeit von Hand ist nur noch selten gefragt.

Das ist auch eine Frage des Geldes. Wer sich einen Maßanzug bei ihm fertigen lässt, für den fängt die Preisskala bei etwa 1800 Euro an. Damit grenzt sich der Kreis der potenziellen Kunden schon mal mächtig ein. Aber ein solch stolzer Preis kommt nicht von Ungefähr. Wer weiß etwa schon, dass ein Schneider für die exakte Passform der Jacke ein Innenteil aus Rosshaar, die sogenannte Wattierung, herstellt und vom Maßnehmen bis zur Auslieferung viel Zeit vergeht. „40 bis 50 Stunden braucht man für einen Anzug“, so Rumberg.

Dazu kommen die Kosten für den Stoff, den der 46-Jährige ebenso wie sämtliche Zutaten, so heißt das tatsächlich im Fachjargon, am liebsten von deutschen Produzenten bezieht. Gleichwohl wird das immer schwieriger. Die Ware kommt immer häufiger aus Fernost. Am ehesten wird Rumberg noch in Süddeutschland fündig, wenn er auf der Suche nach Büffelhornknöpfen passender Knopflochseide und Reißverschlüssen ist.

Die Klientel ist 50 und älter

Die Klientel lässt sich genau eingrenzen. Die meisten Kunden sind jenseits der 50 („Je älter die Leute werden, desto mehr interessieren sie sich für schöne Kleidung“), sind finanziell eher gut situiert und haben nicht selten körperliche Voraussetzungen, die eine Maßarbeit erfordern. Worauf er beim Schnitt achten muss, sieht Carsten Rumberg aber auch bei scheinbar unauffälligen Merkmalen auf den ersten Blicken. „Das bringt die Erfahrung mit sich.“

1987 hat er seine Lehre begonnen, 1997 seinen Meister gemacht und 2007 von seinem Ausbilder Heinz-Werner Dunkel das Geschäft übernommen. Früher, so erinnert er sich, ging es in der Meisterschule noch stockkonservativ zu. Gefertigt werden durfte ausschließlich Klassisches. Das war selbst für ihn, der sich eher einem konservativen Stil verschrieben sieht, ein Grauen.

Viel Fingerfertigkeit ist gefragt

Die Zeiten haben sich geändert. Was den kreativen Bereich betrifft, zum besseren. Das Sakko bleibt zwar immer ein Sakko, „das ändert sich in 1000 Jahren nicht“. Aber immerhin lassen sich Details und vor allem die Passform variieren. Und wenn neue Linien mit lässiger Optik oder mit Anlehnung an frühere Epochen aufkommen, geht auch Carsten Rumberg das Herz auf: „Ich finde das gut, weil das endlich mal etwas Neues ist.“ Beim anstehenden Bundeskongress in Dortmund wird es auch um Entwicklungen wie diese gehen – eben um Kreativität.

Entscheidend ist immer noch die Fingerfertigkeit. „Wir üben einen Handwerksberuf aus.“ Maßnehmen, sauber schneiden und akkurat nähen sind das kleine und große Einmaleins der Schneiderei. Die Finger schützt der Herrenschneider im übrigen nicht mit dem Fingerhut, sondern mit dem oben offenen Fingerring. Ein kleiner, aber feiner Unterschied zum Damenfach.

Kretschmer ist okay, Lagerfeld macht ihn fast aggressiv 

Abschalten fällt ihm schwer. Egal, wo er geht und steht, im Beruf oder in der Freizeit, in seinem Geschäft, oder unterwegs. Immer wirft Carsten Rumberg einen gezielten Blick auf die Kleidung seiner Gegenüber. „Ich bin den ganzen Tag lang Schneider.“ Und das seit 26 Jahren.

Als Schüler habe er mit den Nähen angefangen. „Nach einem Praktikum hatte ich das Gefühl, dass ein Beruf daraus werden könnte.“ In seinem Geschäft an der Markstraße in Weitmar beschäftigt er zwei Mitarbeiter, die er selbst ausgebildet hat, und bietet dort auch Kleidung von der Stange an. Allein von der Maßschneiderei könnte er nicht leben. Einen Anzug pro Monat schneidert Meister Rumberg im Durchschnitt.

Akurates Arbeiten ist notwendig

Immerhin helfen bisweilen Prominenz und Boulevard, um das Thema Mode im Gespräch zu halten. Dass ein schwer angesagter Designer wie Guido Maria Kretschmer im Fernsehen „unseren Beruf so darstellt wie er ist und herausstreicht, dass dazu Können notwendig ist“, gefällt ihm. „Er sieht die Wertigkeit für den Beruf.“

Ganz anders sehe es mit einer anderen deutschen Designer-Ikone aus. „Wenn ich an Karl Lagefeld denke, macht mich das fast aggressiv.“ Dass zwei oder drei Anproben angeblich eher dazu führten, dass ein Anzug langweilig werde, gehe weit an der Realität und der Notwendigkeit für akurate Arbeit vorbei. Ohnehin hat das tapfere Schneiderlein aus Bochum mit den engen Schnitten eines Lagerfeld wenig am Hut. „Wir gehen immer etwas gegen den Strom.“ Bequem darf ein Anzug schon sein. Und: Wer noch einen Zweireiher im Schrank hat, der soll nicht nervös werden. Es gebe einige Maßschneider, die bereits dessen Renaissance voraussagen.

 
 

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