Anja Liedtke - Reise zu den Holocaust-Überlebenden

Anja Liedtke mit ihrem neuen Buch.
Anja Liedtke mit ihrem neuen Buch.
Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool
2011 war die Bochumer Schrifstellerin Anja Liedtke für die „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ in Jerusalem, um dort für Holocaust-Überlebende tätig zu werden. Aus ihrer Tätigkeit entstanden die lesenswerten Reiseerzählungen „Blumenwiesen und Minenfelder“.

Bochum.. „Blumenwiesen und Minenfelder ist dieser Tage im Bochumer Projekt-Verlag erschienen (im Buchhandel, 11,80 Euro). Mit der in Dahlhausen lebenden Schriftstellerin sprach WAZ-Kulturredakteur Jürgen Boebers-Süßmann.

„Blumenwiesen und Minenfelder“, das ist ein plakativer Titel.

Anja Liedtke: Aber er spiegelt in seinem Kontrast das, was ich in Israel wahrgenommen habe, dass nämlich Krieg und Idylle dort nahe zusammenliegen. Etwa auf den Golan-Höhen, die wir uns als Einöde vorstellen, die aber eine wunderschöne Landschaft am Jordan sind. Um die aber Krieg geführt wird.

Ihre Reise erfolgte aber nicht vor aktuellem politischen Hintergrund.

Liedtke: Nein. Die Erzählungen sind aus der Perspektive einer Freiwilligen von Aktion Sühnezeichen erzählt. Sie beinhalten Porträts von ehemaligen Landsleuten von uns, die als Kinder durch die Flucht nach Palästina dem Holocaust entgingen, während ihre Familien in Deutschland ermordet wurden.

Das müssen schwierige Begegnungen gewesen sein.

Liedtke: Ja und nein. Denn die „Schuldfrage“ von uns Nachgeborenen hat sich häufig gar nicht mehr gestellt, jedenfalls nicht mehr in der Schärfe wie noch in früheren Jahren. ,„Wir“, das sind Sie und ich’, habe ich oft von meinen Gesprächspartnern gehört. „Die“, das sind/waren die Nazis.

Was genau ist die Aktion Sühnezeichen?

Liedtke: Die Aktion erwuchs in den 1950er Jahren aus der Evangelischen Kirche. Sie setzt sich in dem Wissen, dass die Folgen des Nationalsozialismus immer noch spürbar sind, für die Verständigung zwischen den Kulturen und Völkern ein.

Wie kamen Sie in Kontakt?

Liedtke: Ich habe mich seit Jahrzehnten intensiv mit dem Thema „NS-Zeit/Holocaust“ befasst, wie wohl jeder aus meiner Generation. Zunächst in der Schule, dann auch im Privaten. Ich wollte immer einmal nach Israel, um persönlich mit den letzten Zeitzeugen zu sprechen.

Was waren in Jerusalem Ihre ehrenamtlichen Aufgaben?

Liedtke: Ich habe in einem privaten Institut gearbeitet, das von Meir Schwarz, damals 88, gegründet worden war. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, sämtliche Synagogen, die es vor dem Holocaust in Deutschland gab, zu erforschen und zu katalogisieren. Meine Aufgabe war es, Herrn Schwarz beim Verfassen von Briefen, bei Redigier- und editorischen Arbeiten zu unterstützen.

Sie sind aber auch viel gereist; die präzisen Beschreibungen in Ihrem neuen Buch zeugen davon.

Liedtke: Ein Text erzählt z.B. von einem Besuch im Flüchtlingslager von Nablus, aus dem während der Intifada die meisten Selbstmordattentäter hervorgingen; ein weiterer Text beschreibt einen Schabbatabend bei amerikanischen Einwanderern. Darüber hinaus werden die Landschaften des Heiligen Landes beschrieben, die Wüsten, Meere und der Wald von Jerusalem.

Was haben Sie persönlich von Ihrer Reise unter dem „Sühnezeichen“ mitgenommen?

Liedtke: Ich habe gespürt, dass durch die Gespräche, die ich mit NS-Überlebenden führen konnte, auch meine privaten Konflikte, die ich lange Jahre mit dem schwierigen Thema hatte, ein Stück weit gelöst wurden.

 
 

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