An der Maarbrücke durch die Zeit reisen

Hortensien verzieren alte Häuser in der Krupp-Siedlung An der Maarbrücke
Hortensien verzieren alte Häuser in der Krupp-Siedlung An der Maarbrücke
Foto: Gero Helm / WAZ FotoPool
Vielfältige Architektur, alternatives Wohnkonzept und unterschiedliche Nationalitäten neben sortierter Bürgerlichkeit ergeben hier ein interessantes Bild. Die Straße „An der Maarbrücke“ liegt in Goldhamme und ist von industrieller Geschichte geprägt. Anwohner setzen Hoffung in 8 Millionen Euro.

Bochum.. Ende der 90er Jahre war „die Maarbrücke“ in Bochum bekannt wie ein bunter Hund. „Die Maarbrücke“ – das war und ist noch immer ein Haus, in dem es Platz für kreative Ideen, wilde Parties und freies Denken gibt. Der herrliche Altbau von 1904 entging der Zwangsversteigerung, weil seine Bewohner ihn innig liebten, darunter Künstler, Architekturstudenten und Gartenbauer. Seit 1997 gehört die Hausnummer 28 (2) dem Verein „Maarbrücke. Neues und Creatives Wohnen“, der seither auf die Unterstützung der GLS-Bank setzen kann.

Heute leben dort 21 Menschen, die das Haus weiter nach ihren Wünschen gestalten. Einer von ihnen ist Gründungsmitglied Peter Kaufung. Im vergangenen Jahr war der freischaffende Künstler damit beschäftigt, die schräg gegenüberliegende Hausnummer 23 zu kaufen. Der Maler hat sich hier etwas aufgebaut und entwickelt mit seinen Mitstreitern weitere Räume, wie ein Atelier und ein soziales Kreativcafé. Sein „spielerisches“ Konzept passt gut in diese Straße, die alles andere als langweilig erscheint. „Es ist verrückt, jedes Haus sieht anders aus. Ich glaube, in dieser Straße hat jedes Zeitalter in Bochum seine Zeichen hinterlassen“, sagt er und zeigt begeistert auf die Glasfassade eines Treppenhauses, die an die Geist der 60er und 70er Jahre erinnert. Wirklich – wer von der Gahlenschen Straße aus in die Tempo-30-Zone einbiegt, kann einen Ausflug in die Geschichte der Stadt unternehmen.

20 verschiedene Nationalitäten

Nicht nur die Häuser der alten Krupp-Siedlung erinnern an den industriellen Aufschwung im Ruhrgebiet, sondern auch das Stammhaus des Bochumer Möbelunternehmers Gustav Blennemann (1), der 1886 gemeinsam mit Ehefrau Caroline sein Unternehmen in Bochum gründete. An der Maarbrücke 15 expandierte Blennemann und richtete 1905 hier eines der ersten Möbelhäuser der Stadt ein. Heute dient der Altbau dem Unternehmen als Lagerstätte. Die Straße führt vorbei an abgewetzten Fassaden und gepflegten Vorgärten. Eine Anwohnerin schaut aus einem durch Hortensien verzauberten Eingang hervor. Sie ist nicht ganz glücklich mit der Straße: „Es gibt eine hohe Fluktuation bei den Anwohnern und manche Häuser müssten neu gemacht werden. Es fehlt ein bisschen das heimelige Gefühl“, merkt sie an, ohne ihren Namen nennen zu wollen.

Ein Grund zur Hoffnung für die Goldhammer ist der Stadtumbau West, bei dem in den nächsten fünf Jahren 8 Millionen Euro in den Stadtteil investiert werden sollen und bei dem das Thema Integration eine wichtige Rolle spielen könnte. Ein Gruppenbild der Gemeinschaftsgrundschule An der Maarbrücke (3) zeigt eine Traube schwarzhaariger Kinderköpfe, „ein bunt gemischtes Häufchen aus 20 verschiedenen Nationalitäten“, informiert die Schule. Die Grundschule beherbergt zudem eine Messstation des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz, die die Luftqualität des industriell geprägten Stadtteils anzeigt.

Gemüsegärten in der Sackgasse

Hinter der Schule kreuzt die Goldhammer Straße, dann läuft die Maarbrücke als Sackgasse auf die Wattenscheider Straße aus. Am Horizont ragen Schornsteine von Thyssen-Krupp in einen trüben Ruhrpott-Himmel. Den Weg säumen Gärten ohne Kleingartenverein (4), in denen üppiges Gemüse gedeiht. Andere Stellen erinnern an „Ela“, wie er durch Bochum tobte. „Bei dem Sturm am Pfingstmontag sind viele türkische Anwohner im Unwetter auf die Straße gelaufen und haben mit Stangen die Gullis frei gehalten, damit die Keller nicht volllaufen“, berichtet Kaufung, der den Einsatz erstaunt vom Fenster aus beobachtete. Die Nachbarn beteiligten sich auch an dem jährlichen Straßenfest, mit dem „die Maarbrücke“ Ende August an den Kauf des Hauses erinnert. Wer die Geschichte kennt, denkt schnell: Ein Fest – das passt zu dieser Straße, die alles andere als langweilig ist.

Die Straße wurde 1921 angelegt, ihren Namen hat sie nach der früher über den Marbach führenden Brücke.Sie lag dort, wo heute die Straße An der Maarbrücke in die Gahlensche Straße mündet. Die Gegend um die „Maarbrücke“ war bis in die 1960er Jahre tiefstes Industrie-Bochum; direkt gegenüber standen die Hochöfen des Bochumer Vereins.

Teil des Emschersystem

Der Marbach, der, im Gegensatz zum Straßennamen, nur mit einem „a“ geschrieben wird, ist ein zentrales Bochumer Gewässer. Er entspringt in Weitmar und fließt Richtung Norden durchs Wiesental. Im Ehrenfeld und in Stahlhausen ist der Bach jeweils für etwa einen Kilometer verrohrt, dann durchquert er Hamme und fließt über den Hüller Bach in die Emscher.

Bereits 1908 hatte die Emschergenossenschaft Grundstücke erworben, um den Bach zu regulieren. Er wurde wie die meisten der ursprünglichen Gewässer im Ruhrgebiet Teil des Emschersystems und damit der technisch ausgereiften Schmutzwasser-Ableitung.

Nun werden schon des längeren im Zuge des Emscherumbaus auch kleinere Wasserläufe wie der Marbach renaturiert und Rohrleitungen für die Aufnahme der Abwässer verlegt. Im Wiesental ist der „neue“ Marbach bereits fertig.

 
 

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