Alltag leben und Fußball feiern „anne Castroper“

Die Castroper Straße ist eine wichtige Verkehrsader, an der vielerlei Geschäfte ansässig sind, hier an der Haltestelle Stahlwerke Bochum.
Die Castroper Straße ist eine wichtige Verkehrsader, an der vielerlei Geschäfte ansässig sind, hier an der Haltestelle Stahlwerke Bochum.
Foto: WAZ FotoPool
Fußballstadion, Planetarium, Synagoge und Krümmede – die Straße Richtung Harpen führt an vielen Bochumer Sehenswürdigkeiten vorbei. Gleichzeitig ist sie Versorgungszentrum der umliegenden Wohnsiedlungen. Einzelne Schmuddelecken werden Bedeutung der zentralen Achse nicht gerecht.

Bochum.. Eine Trinkhalle ohne Zeitungswerbung, ohne Bonbondosen, ohne Ruhrpott-Seele. Ihre Wände sind vom Straßenschmutz ergraut. Das Häuschen am Eingang der Castroper Straße berichtet von vergangenen Tagen, als der VfL Bochum noch den Aufstieg plante und die Fans hier ihr erstes Bier „anne Castroper“ schlürften. Wenige Schritte weiter bietet ein junges Beerdigungsinstitut den passenden weiß-blauen Sarg mit ebensolchem Blumenschmuck für die treuesten Fans. Der Besitzer berichtet, bisher habe niemand den VfL-Sarg bestellt.

Dann ist erst einmal Schluss mit Fußball: Jetzt kommt das Finanzamt Bochum-Mitte und auf der linken Seite erhebt sich als Krone auf dem grünen Hügel ein Wahrzeichen der Stadt. Die Edelstahl-Kuppel blitzt in der Sonne. Der Bochumer hat sich in 50 Jahren an die blanke Halbkugel gewöhnt, doch für jeden Gast der Stadt wird das Planetarium aus dem Jahr 1964 ein erinnerungswürdiger Hingucker sein. Davor besticht die Synagoge mit nicht weniger interessanter Architektur, die für sieben Millionen Euro gebaut und 2007 eröffnet wurde.

Kirmes heute eine „Frechheit“

Was heute das Stadtbild reicher macht, gab es in den Kindertagen von Heinz Henke nicht. Er lebt seit seiner Geburt an der Castroper Straße gegenüber des Festplatzes. „Wir hatten einen langen Schulweg in die Stadt. Wo das Planetarium jetzt steht, war nur wilder Wuchs, der Rückweg von der Schule ein Abenteuergang.“ Alle Familienfeste feierten Evelin und Heinz Henke im Haus Frein (2), womit der Fußball wieder in die Geschichte über die Castroper Straße zurückkehrt. Denn das ehemalige Vereinslokal des VfL war legendär, nicht zuletzt durch seine Gastwirte Walter und Helga Czech, die bei Siegen des VfL die Flagge hissten.

Heinz Henke blickt etwas traurig, wenn er von der Kirmes spricht, die ja eigentlich heute „eine Frechheit“ sei, wie er findet. „Jede Stadtteilkirmes ist da doch schöner“, sagt auch Evelin Henke. Für die Schausteller seien die Standgebühren einfach zu teuer, hat Henke gehört, der als Kind beim Aufbau der Fahrgeschäfte und Buden half und dafür Freikarten abstaubte. Manche Schausteller von damals sind noch heute am Ort, wie Autoscooter-Chef Traugott Petter.

Nicht wegzudenken von der Castroper und doch für das Leben draußen kaum merklich, ist die so genannte Krümmede (3). Die Justivollzugsanstalt, die Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurde, wird bis 2017 mit einer Anstalt für Sexstraftäter ergänzt, auf dem Gelände der früheren Bereitschaftspolizei. Bis dahin dominiert die Baustelle die Ecke Gersteinring, wenn da nicht der Stadion-Grill (4) wäre. Die bunt dekorierte Pommesbude gilt als Treffpunkt vor jedem Heimspiel. Das große Fußballstadion – es hat schon so viele Bochumer Tränen aus Freude und Frust gesehen.

Erstes Szenecafé: Treibsand

Juckel Henke, Bochumer Kabarettist und Autor, war selbst in der B-Jugend des VfL aktiv und ist an der Castroper Straße in der so genannten „gelben Gefahr“ groß geworden. Der Ursprung dieses mysteriösen Namens für das U-förmige Haus an den Nummern 97 bis 101 ist ihm leider nicht überliefert worden. Vielleicht weiß ein Bochumer, was es damit auf sich hat? Ob Juckel Henke am Samstag als Spieler aufgestellt war, erfuhr er damals am Aushang der Gaststätte Mense, in der heute ein Grieche Gyros serviert. Der Kabarettist erinnert sich, dass es auf der Castroper einst zwei Kinos gab, das „Rex“ und das „Apollo“. „Die ersten weiblichen Bekanntschaften habe ich im Eiscafé Capri gemacht, was später das Treibsand war“, plaudert Juckel weiter. Das Café Treibsand, heute Tante Yurgan’s (5), war eines der ersten Szenelokale in der Stadt überhaupt und schlichtweg Kult. Seit 2011 ist es am Springerplatz zu finden.

Hinter dem Stadion geht die Castroper Straße noch viele Meter weiter. Hier beginnt, wenn man so will, das ganz normale Leben. Es gibt alteingesessene Geschäfte und das neue Einkaufszentrum Vöde. Eine Grundschule, die Heilig-Kreuz-Kirche sowie Eingänge zu Thyssen-Krupp Electric Steel bzw. den Stahlwerken Bochum (6) markieren den Alltag. Die Stahlwerke Bochum, die 2004 in zwei Firmen geteilt wurden, beschäftigten in den 50er Jahren über 5000 Mitarbeiter, Heute sind hier noch rund 1000 Menschen beschäftigt.

Evelin und Heinz Henke sehen die Castroper als „bevorzugte Wohnlage“, allerdings ärgern sie sich über die hässlichen Betonkübel in der Straßenmitte. Reihenweise seien diese zur Frauen-Fußballweltmeisterschaft 2011 aufgestellt und anfangs auch blühend bepflanzt worden. Jetzt werden sie von Tag zu Tag nur schäbiger. Es ist eine kleine Schande für eine zentrale Bochumer Straße, auf der auch Touristen den starken Puls der Stadt spüren können.

Straße führt in Richtung Nordost

Die Castroper Straße ist eine von acht Hauptausfallstraßen, die Bochum mit dem Umland verbinden. Sie wurde als Castroper Chaussee anno 1874 zwischen dem ehemaligen Schwanenmarkt (heute Nordring) und der Straße An der Bochumer Landwehr (in Höhe des heutigen Außenrings) angelegt. Ihren Namen entlehnt sie der früheren Stadt Castrop; 834 erstmals als „Villa Castorp“ erwähnt und 1928 zur kreisfreien Stadt Castrop-Rauxel aufgestiegen.

Das Stadion lag bei seiner Gründung noch vor den Toren der Stadt; Bochum war damals noch nicht weit über den heutigen Innenstadtring hinaus gewachsen. Die Castroper Straße war die Verbindung nach Nordosten, vor allem nach Harpen, und damit auch schon in früherer Zeit Marschweg der Bochumer Maikerls zum Harpener Bockholt und zurück.

Die an der Castroper Straße gelegenen Stahlwerke Bochum gehen zurück auf die Seilfabrik Vennemann aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts.

 
 

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