30 Jahre zwischen Charme und Chaos in der Zeche Bochum

Sabine Vogt
John Lydon alias Johnny Rotten spielte in der Zeche in den 80er Jahren. Damals häuften sich die Konzerte mit namhaften Künstlern.
John Lydon alias Johnny Rotten spielte in der Zeche in den 80er Jahren. Damals häuften sich die Konzerte mit namhaften Künstlern.
Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool

Bochum. „Chaos in der Kneipe und im Restaurant. Die Zapfer und der Service sind vom Ernstfall völlig überfordert, können sich nun vorstellen, was in Zukunft zu erwarten ist.“ So beschreibt Zechen-Mitbegründer Claus Dürscheidt den 6. November 1981, als der Club zum ersten Mal seine Türen für Publikum öffnete.

Innerhalb der 30 Jahre, die seither vergangen sind, hat es 5000 Konzerte gegeben und etwa ebenso viele Disconächte. Wohl niemand hat gezählt, wie oft es dabei zu ähnlich chaotischen Zuständen kam wie zur Geburtsstunde. Wie im Oktober 1983, als John Lydon (Ex-Sex Pistols) mit seiner Band PIL vor ausverkaufter Halle spielte. Weil aber draußen noch ebenso viele Fans ausharrten, die keine Karten ergattern konnten, drückten sie in ihrem Frust so lange gegen die Hallentore, bis diese nachgaben und strömten hinein. Prompt hatte sich das Fassungsvermögen verdoppelt, verletzt wurde niemand.

"In der Halle weht der Geist vergangener Konzerte“

Anekdoten wie diese gibt’s viele aus dem Club, der „selbst in London ein Begriff ist“, wie Peer Meyer, seit Anfang dieses Jahres Geschäftsführer, versichert. „Das Besondere ist einfach das Haus selbst mit dem unverwechselbaren Charme der Industriekultur. Das wollen wir auch beibehalten. Hier wird nichts stylisch weiß gestrichen.“ Das wüssten auch die Künstler zu schätzen: „Viele haben mir schon gesagt, in dieser Halle wehe der Geist vergangener Konzerte.“ Meyer stammt aus Bremen, und mit der Bochumer Zeche ist er seit elf Jahren verbunden.

„Mir ging’s wie vielen Musikern: Ich sah den Club und war begeistert.“ Von Hause aus ist er DJ und als solcher begann er im Jahre 2000 an der Prinz-Regent-Straße. Der Job machte ihn schließlich sesshaft. Heute wohnt er sogar in Spuckweite zur Konzerthalle.

Fast jeden Tag Livegigs

Doch so ganz kann der 49-Jährige das Herumreisen nicht lassen. „Man muss seine Nase in den Wind hängen, um neue Strömungen auffangen zu können. Wer nur in seinem Sprengel verharrt, wird betriebsblind und verschläft Trends.“ Und so nimmt er sich die Zeit – neben dem Buchen von Künstlern, der Personaleinteilung und dem Organisieren der Parties – so oft wie möglich kleine, angesagte Clubs und Häuser zu besuchen und dort auch aufzulegen.

Als Peer Meyer als DJ kam, machte die Zeche eine Phase durch, in der es mehr Discos als Konzerte gab. Das hat sich spätestens seit der Geschäftsführung seines Vorgängers Torsten Sickert gehörig geändert. Gemeinsam haben die beiden Männer den Ruf der Zeche als Konzerthalle, die namhafte Künstler nach Bochum holt, wiederhergestellt. „Jetzt im November haben wir fast jeden Tag Livegigs.“ Ganz wie zu Beginn: Wer in den 1980er Jahren genug Taschengeld hatte, den drängte es nahezu täglich nach Weitmar, als sich die Großen aus Punk und Wave dort die Klinke in die Hand gaben.

"Das macht ein Haus erst bunt"

Heute ziehen es Fans mitunter vor, an der Zeche Tage vor dem Konzerttermin zu campieren, um ihrem Idol (beim Meet & Greet) nahezukommen. Dieses Phänomen ist immer dann zu beobachten, wenn Stars der J-Rock-Szene gastieren, ein bundesweites Alleinstellungsmerkmal: Seit ein paar Jahren ist die Zeche ein Mekka für Freunde des Visual Kei, zumeist Mädels im Teenager-Alter. „Die lassen wir auch aufs Klo und bieten ihnen im Winter einen Unterstand.“ Was sich herumgesprochen hat: Die Fans pilgern sogar aus dem benachbarten Ausland nach Bochum.

Peer Meyer will dem weiterhin ein Forum geben, genauso aber anderen Trends wie Singer/Songwriter. „Es gibt musikalisch stets Bewegungen und Gegenbewegungen. Ich versuche, beides zu holen.“ Eine Zeit lang wurden die Konzerte nur durch den Discobetrieb finanziert. Es gibt Bands, die garantieren ein ausverkauftes Haus, mit Besuchern, die viel konsumieren und möglichst anschließend noch für die Disco bleiben. Doch für Peer Meyer „gibt es noch etwas jenseits vom Geld verdienen: Wir wollen uns breiter aufstellen. Ich kann mir künstlerisch alles vorstellen; das macht ein Haus doch erst bunt.“