240 Luftangriffe zerstörten Bochum

Michael Weeke
Retten, was zu retten ist: Bürger bergen Möbel aus einem völlig zerstörten Haus.
Retten, was zu retten ist: Bürger bergen Möbel aus einem völlig zerstörten Haus.
Foto: Zentrum für Stadtgeschichte
Die WAZ-Redaktion Bochum beschäftigt sich anlässlich der 70. Wiederkehr des schrecklichsten aller Angriffe auf Bochum, am 4. November 1944, in einer mehrteiligen Serie mit dem Bombenkrieg und wie er bis heute eingebrannt ist im Bewusstsein.

Bochum. Das Grauen des Bombenkriegs passt in einen Pappkarton. Es sind Fotografien. Besser: Kopi­en von Fotos, die ein Bochum zeigen, zerschunden von der zerstörerischen Gewalt von 240 Luftangriffen, die zwi­schen 1940 und dem 31. März 1945 die Industriestadt ins Herz trafen. Der Karton steht im Stadtar­chiv.

Der überwiegende Teil der Fotos zeigt Gebäude – oder besser, das, was die Bomben übrig ließen vom Vorkriegs-Bo­chum. Allesamt schwarz-weiß sind die Dokumente. Manch­mal sind Menschen zu erken­nen. Auf einer Aufnahme lacht eine Frau in die Kamera, sie steht mit anderen vor den Hab­seligkeiten, die blieben von einer dieser Bombennächte. Einen Laib Brot hält sie fest umklammert.

6000 Tote an der „Heimatfront“

Ein anderes Bild zeigt Männer, die irgendetwas herausziehen aus einem schrundigen Krater. Erst der zweite Blick gibt Gewissheit. Es ist der eigentümlich verdrehte Körper eines Menschen. Ein kleiner Körper, vielleicht der eines Kindes.

Nur einer von rund 6000 Bochumern, die an der „Heimatfront“, wie es damals hieß, ihr Leben ließen. Knapp 7800 Menschen erlitten Verletzungen. Nicht gezählt sind die Tausenden, die bis heute leiden unter diesen Erlebnissen, die nachts Schweiß gebadet hochschrecken, weil sie im Schlaf wieder der kleine Junge, das Mädchen an der Seite der Mutter sind, da im sich unter den Detonationen aufbäumenden Luftschutzkeller.

Schon 1935 trat das Reichsluftschutzgesetz in Kraft. Mehr als vier Jahre vor Ausbruch des Krieges standen also die Zeichen auf Sturm. In Bochum wurden 186 öffentliche Luftschutzanlagen gebaut, nicht gerechnet die gewaltigen Luftschutzeinrichtungen, die die großen Industrieunternehmen, allen voran der Bochumer Verein, bauten.

Die WAZ-Redaktion Bochum wird sich anlässlich der 70. Wiederkehr dieses schrecklichsten aller Angriffe auf Bochum, am 4. November 1944, in einer mehrteiligen Serie beschäftigten mit dem Bombenkrieg, mehr noch, mit dem, wie er bis heute eingebrannt ist im Bewusstsein.

Vor 75 Jahren begann der Krieg

Vergessen wird manchmal, dass es noch ein anderes „Jubiläum“ gibt, in diesem Jahr. Es ist der 1. September 1939, der Beginn des 2. Weltkriegs, der sich zum 75. Mal jährt. Dieses Datum, das den Angriff der Wehrmacht auf Polen markiert, ist es letztlich, was ihn herausforderte, den Alptraum der Bombennächte. Von den 23.000 Häusern, die es mit über 92.000 Wohnungen im alten Bochum gab, wurden 5000 völlig, 4500 zu 75 Prozent, 5300 zu 50 vH und 7200 zu 25 vH zerstört. Nur rund 1000 Häuser mit 3800 Wohnungen überstanden den Krieg unbeschadet.

WAZ berichtet über Schicksale

Rund vier Millionen Kubikmeter an Trümmerschutt, so verzeichnet es akribisch der städtische Verwaltungsbericht, der 1948 rückwirkend die Jahre seit 1938 aufarbeitete. Ein Zahlenwerk, dessen Wirkung gerade aufgrund der nüchternen Darstellung groß ist.

Wir werden es nicht bei den Zahlen belassen, sondern den Menschen dahinter suchen, das kann die Erinnerung eines Kindes aus den Bunkernächten, die Schilderung einer Trümmerfrau oder das Schicksal eines englischen Piloten sein, der auf einem seiner letzten Einsätze über Bochum abgeschossen wurde und im Wrack des Lancaster-Bombers starb – auch ein Gesicht dieses Krieges am Himmel über und in der Trümmerwüste in Bochum.