Über 800 000 Juden vor dem Tod gerettet

Kolpingforum Balve zu Papst Pius XII. Referent Autor und Historiker Michael Hesemann. Thema "Der Papst, der Hitler trotzte" Foto: Stefan Scherer
Kolpingforum Balve zu Papst Pius XII. Referent Autor und Historiker Michael Hesemann. Thema "Der Papst, der Hitler trotzte" Foto: Stefan Scherer
Foto: WP Stefan Scherer

Balve.. Es gibt wohl keinen anderen Papst der neueren Geschichte, der so stark polarisiert wie Pius XII., der das Pontifikat während des Zweiten Weltkriegs bekleidete. Die brennende Frage: Verschloss er die Augen vor dem Nazi-Terror oder trotzte er dem Hitler-Regime?

Eine ganz eindeutige Meinung besitzt der Schriftsteller Michael Hesemann, der im Kolpingforum über den umstrittenen Pontifex referierte: „Nach meinen Berechnungen rettete Pius XII. zwischen 847 000 und 882 000 Juden.“ Zahlen, die in der Öffentlichkeit bisher kaum aufgetaucht sind und die Hesemann in einem mehr als zweistündigen, dennoch kurzweiligen, hochinformativen und spannenden Vortrag argumentativ belegte.

Grundlage bildeten dabei die Schriften der Gegenseite, die den Papst bezichtigen, selbst Antisemit gewesen zu sein und daher bewusst zum Holocaust geschwiegen zu haben. Zuvorderst das Schauspiel „Der Stellvertreter“ aus der Feder des deutschen Schriftstellers Rolf Hochhut aus dem Jahr 1963, aber auch das Buch „Der Papst, der geschwiegen hat“ von John Cornwell aus dem Jahr 2002. Beides populäre Schriften, die erheblichen Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung Pius XII. nahmen und nehmen.

Michael Hesemann, einer der ganz wenigen deutschen Historiker, die Zutritt zu den Geheimarchiven des Vatikans erhielten, geht mit beiden hart ins Gericht: „Jeder Schüler hätte für Cromwells manipulierte Übersetzungen eine Fünf minus bekommen. Der Schund, den er schreibt, benutzt dieser Fälscher nur als Vorwand für generelle Kritik an Rom.“ Hochhuts Stück hingegen sei in erster Linie politisch motiviert: „Weil der Vatikan sich auch gegen den Kommunismus stellte, begann Osteuropa sehr schnell nach dem Krieg, Pius XII. in die rechte Ecke zu stellen. Kurz nach Veröffentlichung wurde Hochhuths Stück bereits zum Pflichtprogramm an osteuropäischen Bühnen.“

In hohem Tempo führte Michael Hesemann im Pfarrheim von St. Blasius den Beweis der Verachtung des Weltkriegspapstes für Hitler und seine Vasallen. Er brachte zudem dutzende Beispiele dafür, wie er als Pontifex die Deportation von Juden in ganz Europa verhinderte und sogar vatikanische Gebäude inklusive des Castel Gandolfo als Unterkunft für die Verfolgten zur Verfügung stellte. Bleibt zu klären, warum der Pontifex sich öffentlich nie laut gegen Nazi-Deutschland stellte. „Jede öffentliche Regimekritik von Seiten der Kirche konterten die Nazis mit grausamen Vergeltungsschlägen – zum Beispiel an Juden, die in Polen zum Katholizismus konvertiert waren“, erläuterte Michael Hesemann. Der Papst habe sich daher entschieden, im Hintergrund zu wirken, um keine weiteren Menschenleben zu gefährden.

Jahreszahlen, Originalschriftstücke, historische Fotos sowie etliche Zitate von Zeitzeugen und aus diversen Briefen prasselten auf das Publikum ein. Doch das hing an den Lippen des Historikers, der es vermochte, die viele Theorie aus dieser düsteren Zeit ergreifend, mitreißend und jederzeit spannend zu verpacken. Geschichte wurde lebendig, zu berühmten Namen lieferte Hesemann eine Innensicht, einen Charakter.

„Das war eine beeindruckende Reinwaschung von Pius XII.“, sagte Kolpingforum-Chef Engelbert Falke im Nachgang, bevor der Referent noch Fragen beantwortete. Die dringendste: Warum hat der Vatikan nichts unternommen? „Der Heilige Stuhl mischt sich grundsätzlich nicht in wissenschaftliche Fragen ein. Das überlässt er Historikern, die ein Buch mit gegenteiliger Meinung verfassen.“

Am Ende des Abends verließen die Zuhörer zwar etwas entkräftet aber fasziniert das Pfarrheim. Unter ihnen auch „Belo“ Streiter, der tagtäglich einen Kettenanhänger bei sich trägt, den Pius XII. für seine Mutter im Jahr 1958 persönlich in Rom segnete.

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