Emotionale Tiefe bei Lesung mit Maria Knissel

Foto: Uta Baumeister

Balve..  Still ist es in der Öffentlichen Bücherei eher selten. In der Regel füllen Stimmen die Räume, in denen unzählige Geschichten und ihre Helden zwischen Buchdeckeln darauf warten, entdeckt und gelesen zu werden. Am Freitagabend jedoch herrschte gespannte Aufmerksamkeit. Die Autorin Maria Knissel fesselte rund 50 Zuhörer mit ihrer Lesung aus dem im vergangenen Jahr erschienenen Roman „Drei Worte auf einmal“. Darin erzählt die Autorin aus der Sicht des jüngeren Bruders Chris von dem schweren Motorradunfall des sieben Jahre älteren Klaus und dessen Folgen. Die Geschichte zweier ungleicher Brüder, die auf einer wahren Begebenheit beruht, beeindruckte.

Maria Knissel nahm das Publikum zunächst mit in das Jahr 1977 an jenen Tag, an dem die Katastrophe über die Rüsselsheimer Familie hereinbrach und alles veränderte. „Der damals 13-jährige Chris erfährt nicht viel von seinen Eltern und darf seinen im Koma liegenden Bruder erst nach einiger Zeit besuchen“, erläuterte sie. „In der Familie herrschte eine enorme Sprachlosigkeit. Dies versuchte ich, in dem Buch zu beschreiben“, erklärte Maria Knissel.

Erst eineinhalb Jahre nach dem Unfall kehrte Klaus als Schwerstpflegefall in die Familie zurück. Auf die Familie kamen große Herausforderungen zu, die Chris und seine Eltern verarbeiten mussten. „Jeder in der Familie vereinsamte für sich allein“, so die Autorin. In Zeitsprüngen schilderte Maria Knissel, wie sich die Brüder schließlich neu annäherten und Chris seine Liebe zur Musik mehr und mehr lebte. Nach einer Ausbildung bei Opel studierte er Musik.

In ihrem Roman bereitete Maria Knissel literarisch das familiäre Schicksal des Saxofonisten Stephan Völker auf, auf dem die Figur des Chris beruht. „Ich bin Stephan Völker dankbar und finde es bewundernswert, dass er mir diese Geschichte geschenkt hat. Er hat sie mir kurz nach dem Tod seines Bruders erzählt“, berichtete die Autorin, die nach der Lesung mit den Zuhörern ins Gespräch kam.

Zunächst seien die Ideen für ein zweites Buch in ganz andere Richtungen gegangen, erzählte Maria Knissel. Richtig gefallen hatten ihr die Entwürfe nicht. Erst bei dem Gespräch mit Stephan Völker habe es quasi den „Klick“ zur Idee gegeben. Viele intensive Gespräche mit dem Saxofonisten hätten sich angeschlossen, bis das Werk schließlich auf 364 Seiten niedergeschrieben war.

Nicht nur inhaltlich sorgt Maria Knissel mit „Drei Worte auf einmal“ für Gänsehautmomente. Auch mit der einfühlsamen Melodie ihrer Sprache gelingt es ihr, emotionale Tiefe zu erzeugen. „Sie haben mich während der Lesung in eine Stimmung versetzt, die nicht leicht zu ertragen war“, erklärte ein Zuhörer. Wie empfand die Schriftstellerin dies während des Schreibprozesses? Sie habe ein stabiles Umfeld, so sei es ihr gelungen, die schwierigen Passagen aushalten zu können, sagte die 49-Jährige.

2007 hatte die gebürtige Langenholthauserin ihr Debüt mit dem Roman „Der Klarinettist“ gegeben. Maria Knissel lebt mit ihrer Familie bei Darmstadt und arbeitet als Autorin und Journalistin.

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