Acht-Stunden-Tage sind hier ausgeschlossen

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Der Tag auf dem landwirtschaftlichen Betrieb Hötger am Kesberg beginnt um 5 Uhr morgens. An Ostern, an Weihnachten, immer.

Balve.  Dann werden die Kühe gemolken, die Tiere gefüttert, Stallungen eingestreut, Hofarbeiten erledigt, die Tiere beobachtet und, und, und. Ganz so früh müssen Annika Träger, 14 Jahre aus Langenholthausen, und die gleichaltrige Amina Adilovic aus Garbeck beim „Girls & Boys-Day“ dann doch nicht aufstehen. Aber um 6 Uhr – fast zwei Stunden vor dem normalen Unterrichtsbeginn in der Hauptschule – stellen sie sich Frank und Iris Hötger vor. „Wir mögen Tiere“, sagen sie, „daher ist das frühe Aufstehen kein Problem.“

Zum ersten Mal in ihrem Leben melken Annika und Amina eine Kuh. „Ungewohnt“, sagen sie, aber nach ersten Anlaufschwierigkeiten klappt das ganz ordentlich. Sie erfahren, dass auf dem Hof Hötger insgesamt 220 Kühe und etwa 250 Kälber sind, dazu noch 20 bis 25 Zuchtbullen. Die Tiere werden gefüttert, die Kälber getränkt und das Silo abgedeckt – die beiden Mädchen der Klasse 8 b der Hauptschule Balve zeigen keine Scheu. Prima Voraussetzung, so Iris Hötger. Denn um als Landwirt zu arbeiten, benötige es eine gehörige Portion Idealismus und „große Liebe zu den Tieren“. Das alles fast rund um die Uhr, „denn einen Acht-Stunden-Tag gibt es hier nicht“.

Zu niedrige Milchpreise

Annika Träger und Amina Adilovic erfahren auch von den schwierigen Bedingungen, die nicht nur den landwirtschaftlichen Betrieb Hötger betreffen. Der Milchpreis ist seit Monaten im Keller, erzählt Iris Hötger. „Er ist zu niedrig. Das bekommt man mit den Futterpreisen gar nicht gedeckt.“ Und neben dem Futter müssen schließlich noch Lohn oder Unterhaltungskosten für Gebäude und Maschinen gezahlt werden. „Am Milchpreis werden sogar größere Betriebe zugrunde gehen“, sagt Iris Hötger und hofft, dass zumindest ab 2018 die Preise wieder steigen werden. Sorgen bereiten außerdem die Verkaufspreise für Rinder. Sie liegen bei etwa 1000 Euro. Bis ein Rind groß ist, kommen für einen Betrieb aber gut und gerne 1800 Euro zusammen.

Hygiene das A und O

Zweieinhalb Kilometer weiter, im Gasthof Habbel in Langenholthausen, kommt man mit Acht-Stunden-Tagen ebenfalls nicht hin. Hierher hat es Annalena Jung aus Neuenrade (Hauptschule) und Anna Büker aus Balve (Realschule) verschlagen. Sie haben die ruhigere Tageszeit erwischt, denn in einem Gastronomiebetrieb herrscht vor allem mittags und abends reges Treiben. Koch Guido Rademacher stellt den beiden Teenagern die Küchengeräte vor – denn eine Fritteuse oder eine Bratenplatte stehen nicht in jedem Haushalt – und weist sie auf die sehr gründliche Hygiene hin, bevor sie direkt mit anpacken dürfen. Der Salat wird geputzt, Zwiebeln geschnitten, das Fleisch pariert (von unerwünschten Teilen wie zum Beispiel Sehnen befreit), der Krautsalat vorbereitet und das Fleisch für die Frikadellen durchgelassen. Wohin die berufliche Reise geht, steht für Annalena und Anna noch nicht fest. „Vielleicht Meeresbiologin“, sagt die 14-jährige Annalena.

Dass die Jugendlichen in die Arbeitsabläufe integriert werden und sie Verantwortung übernehmen müssen, gefällt Nina Fröhling und Katharina Jürgens von der Realschule Balve ebenso wie Ulrika Scholder und Christa Knoop von der Hauptschule. 84 Real- und 45 Hauptschüler nehmen gestern am „Girls & Boys-Day“ in 50 Betrieben und Einrichtungen in Balve teil. „Jahr für Jahr gehen die Unternehmen professioneller mit den Kindern um“, lobt die Gleichstellungsbeauftragte Roswitha Schubert.

 
 

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