Zu Unrecht als Faulpelz beschimpft

  • Tim ist immer müde.
  • Eines Tages stürzt er und bleibt stundenlang auf einem Platz liegen.
  • Jetzt haben Ärzte herausgefunden, warum.

Arnsberg.. Manchmal im Schlaf lief ihm kaltes Wasser in den Mund, die Luft blieb weg. Tim Schmidt (Name von der Redaktion geändert) verschluckte sich und schreckte hoch. Er lag immer noch in der Badewanne. Nicht selten hämmerte seine Schwester an die Tür und schrie „Komm da raus, Du faule Sau“. Tim war scheinbar so faul, dass ihm in der Schule der Kopf in den Nacken fiel und er immer wieder einnickte. Er war so faul, dass er am liebsten den halben Tag auf dem Sofa döste, manchmal mit offenen Augen.

Nach dem Sturz ein anderes Leben

Am Morgen des 25. Februars wird Tim auf dem Schulweg in Arnsberg ohnmächtig, knallt mit Kopf und Kiefer auf den Asphalt und bleibt liegen. Drei Stunden lang (unsere Zeitung berichtete). Als seine Mutter Karin Schmidt (Name geändert) die Nachricht erhält, dass der 16-Jährige wieder einmal nicht in der Schule ist, durchforstet sie das Stadtviertel, auf der Suche nach dem vermeintlichen Schulschwänzer. Sie ahnt nicht, dass ihr 16-jähriger Sohn nur wenige Meter von zu Hause entfernt auf einem Parkplatz am Straßenrand liegt.

Tims Geschichte soll nicht nur davon handeln, dass niemand in der Nachbarschaft gesehen haben will, dass ein Junge ohnmächtig am Straßenrand liegt und dringend Hilfe benötigt. „Mir wird von Bekannten vorgeworfen, ich wolle meine Mitmenschen diffamieren, wenn ich von diesem Vorfall erzählte“, sagt Karin Schmidt. Dabei geht es der 40-Jährigen darum mitzuteilen, wie der harte Sturz auf den Asphalt ihren Sohn in ein halbwegs normales Leben zurückholt und ihn vielleicht vor einem langen Leidensweg bewahrt.

Seit wenigen Wochen weiß Familie Schmidt, dass nicht die Pubertät der Grund dafür ist, dass sich der Sohn in letzter Zeit merkwürdig verhielt. „Ich dachte, ich sei einfach faul und muss akzeptieren, dass ich das alles nicht hinkriege“, erzählt Tim. Seit zwei Jahren fiel er in Klausuren durch. Das letzte Schuljahr musste er wiederholen. Mitschüler mobbten ihn. Zu Hause beschimpften ihn Mutter und Schwester, weil er so teilnahmslos sei. Und ständig wollte er einfach nur schlafen.

Keiner wusste, dass Tim Schmidt an einer Krankheit leidet, von der in Deutschland nur etwa 40 000 Fälle bekannt sind und die unheilbar ist. Er ist Narkoleptiker. Ein Leiden, das der Volksmund Schlafkrankheit nennt und das nur diagnostiziert wurde, weil er nach seinem Sturz ins Krankenhaus kam.

Obwohl die Krankheit in den vergangenen Jahren bekannter geworden ist, vor allem im Zusammenhang mit der Schweinegrippeimpfung, vergehen oft zwei bis drei Jahre, bis eine Diagnose gestellt werden kann. Viele Hausärzte erkennen die Symptome nicht. Und das kann fatale Folgen haben.

Holger Rolloff von der Deutschen Narkolepsiegesellschaft (DNG) berichtet von Menschen, die erst nach 40 Jahren die Diagnose Narkolepsie erhalten haben und ein Leben lang sozial geächtet wurden, oft keine Schul- oder Berufsausbildungen abschließen konnten und auf Sozialhilfe angewiesen waren. „Sie wurden Jahrzehnte zu Unrecht als faule Taugenichtse und Drückeberger stigmatisiert“, sagt Rolloff. Narkoleptiker haben keine Tiefschlafphasen, sie regenerieren im Schlaf nur schlecht.

Das ist der Grund, warum Tim ständig einschlief. Sogar in der Schule, mit offenen Augen. „Manchmal kam ich zu mir und merkte, dass ich einfach nur vor mich hin gestarrt hatte. Ich wusste gar nicht, was der Lehrer die letzten Minuten erzählt hatte“, sagt Tim. Wenn er nachmittags nach Hause kam, legte sich aufs Sofa und schlief weiter. „Manchmal konnte ich ihn kaum wach bekommen und fragte mich, wie ein Mensch nur so gleichgültig und faul sein konnte“, sagt seine Mutter. Die Vorwürfe trieben Tim dazu, sich abzukapseln. Er schloss sich im Zimmer ein, sprach kaum noch mit Freunden und Familie. „Ich fühlte mich wertlos. Am Ende war ich total verzweifelt“, erzählt Tim.

Medikamente helfen

Bis zur Diagnose der Krankheit sah es so aus, als werde Tim das neunte Schuljahr ein zweites Mal nicht schaffen. Das hätte für ihn bedeutet, die Schule ohne Abschluss verlassen zu müssen. Seit er Medikamente schluckt, bleibt er wieder wach. Er kann zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder zuhören. Die neunte Klasse muss er schaffen. Das ist sein Ziel.

Ein harter Sturz und die Diagnose einer unheilbaren Krankheit machen dieses Ziel möglich. Karin Schmidt betont immer wieder, dass sie niemandem Vorwürfe machen will. „Ich hoffe nur, dass demnächst jemand hinschaut und hilft, wenn mein Sohn auf der Straße liegt“. Das könnte jederzeit wieder passieren, denn der Junge ist gleichzeitig auch an Epilepsie erkrankt. Vorerst darf der Teenager nur mit Begleitung das Haus verlassen.

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