Vom Staatssekretär zum Philosophie-Studenten

Jochen Westermann, ehemals Staatssekretär in sechs NRW-Ministerien am heimischen Keyboard
Jochen Westermann, ehemals Staatssekretär in sechs NRW-Ministerien am heimischen Keyboard
Foto: WR

Ja, das Ende der steilen Karriere kam unvermittelt, schlug ein wie eine Bombe. „Es war eine Vollbremsung. Von 100 auf null.“Wenn der heute 62-jährige Jochen Westermann, ehemaliger Staatssekretär unter fünf NRW-Ministern, von seinem abrupten Abschied aus dem Berufsleben im März 1999 spricht, merkt man auch noch fast 12 Jahre später, dass ihn der bittere Abgang immer noch beschäftigt, bisweilen Frust und Ärger beschert. Und vor allem quält die Frage nach dem Warum? Denn darauf hat ihm bis heute niemand eine Antwort gegeben. Weder der damalige Ministerpräsident Wolfgang Clement, noch sein unmittelbarer Dienstvorgesetzter Peer Steinbrück.

WR zu Gast

Die WR besuchte den pensionierten Beamten in seinem Rumbecker Häuschen und sprach mit ihm über die erfolgreichen Zeiten in der Arnsberger Politik, über Niederlagen und über ein Leben nach den aufreibenden Jobs an der Spitze der nordrhein-westfälischen Politik.

Zwischen der größten Niederlage und dem höchsten Sieg waren es bei Jochen Westermann gerade mal 14 Jahre. Wenn der Pensionär von besseren Zeiten spricht, hellt sich auch sofort die Miene auf, dann lächelt er und gerät ins Schwärmen. Sage und schreibe 45,4 Prozent der Stimmen waren es bei den Landtagswahlen 1985, die er für seine sozialdemokratische Partei einfuhr. Erstmals und bis heute einmalig: Das Direktmandat für die SPD. Die CDU verlor damals mit ihrem Kandidaten Theo Schwefer 7,1 % der Stimmen. Westermann gewann 5,9 Prozent hinzu. „Das ist das beste Ergebnis aller Zeiten“, freut sich Jochen Westermann noch heute.

Und als er fünf Jahre später erneut antrat und wieder sensationelle 45,3 Prozent für die SPD holte, gab’s allerdings schon die ersten Wermutstropfen. Denn die CDU hatte sich im halben Jahrzehnt erholt und neu aufgestellt. Mit dem Arnsberger Alfons Löseke gewann sie nur 92 Stimmen mehr als Westermann und holte sich aber das Direktmandat zurück. Heute führt Jochen Westermann seine Wahlsiege nicht in erster Linie auf seine Arbeit im Wahlkreis zurück: „Das war das Verdienst von Johannes Rau“, sagt er bescheiden.

Auf die Frage, ob er noch wisse, wie er sich nach der Landtagswahl ‘85 gefühlt habe, reagiert er spontan: „Ich war einfach nur glücklich“. Was nach dem gefühlten Sieg 1990, der aber eigentlich eine Niederlage war, folgte, war eine Karriere, die der Politiker nicht geplant hatte. „Ich habe Ämter nie angestrebt. Die sind mir einfach zugefallen“, sagt er. Und deshalb regt sich Jochen Westermann noch heute über jene damaligen Kritiker auf, die ihm nach der Wahl vorwarfen, den Wahlkreis extra verloren zu haben, um seine Karriere in den Ministerien zu starten. „Das ist unglaublich, das sind absurde Vorwürfe“, stellt er vehement klar.

Faktisch habe er damals auf der Straße gestanden, ohne Netz und doppelten Boden. Dankbar ist er noch allen, die sich zu jener Zeit an seinen Einsatz für die Partei erinnerten und ihm einen Job im Ministerium angeboten hatten. Jochen Westermann sieht sich heute noch gern als „Wasserträger“. Einer , der immer da war, wenn die Partei gerufen hat. „Umso verbitterter ist man, wenn man von heute auf morgen entlassen wird und einem noch gesagt wird, man habe stets Qualität, Integrität und Loyalität bewiesen, wie es Steinbrück zum Abschied ausgeführt hatte“, ärgert sich der 62-Jährige.

„Ich weiß heute selbst nicht mehr, wie ich das damals alles geschafft habe“, sagt er und schaut sich dabei ein Diagramm an, dass er für unser Gespräch vorbereitet hat. Damals hat er neben seiner Tätigkeit als Staatssekretär auch noch den Unterbezirk HSK geführt. 10 Jahre lang, während Franz Müntefering nur sechs Jahre aufweisen kann. Darauf ist er stolz.

Als Staatssekretär hat er in Düsseldorf einen Drei-Milliarden-Haushalt verwaltet. Da könne man sich gut vorstellen, wie viele der sogenannten Freunde irgendwohin gekrochen seien. Als dann Schluss war, gab’s von denen nur noch ganz wenige. Jochen Westermann macht keinen Hehl daraus, dass es tiefe Löcher gibt, in die man fällt, wenn man schlagartig aus dem Amt verschwunden ist. „Es fehlt plötzlich die Bühne.“ Vom Rampenlicht ins Dunkle. Der „Entzug der Wichtigkeit“, wie er sich ausdrückt, habe geschmerzt.

Auch wenn Sozialdemokraten wesentlich an seiner Demontage mitgewirkt hatten, ist er der Partei stets treu geblieben. „Ich hab’ der SPD viel zu verdanken“, sagt er. Und aus diesem Grund ist Westermann sich auch heute noch für keine Aufgabe im Ortsverein zu schade. „Ich helfe mit, zeige Solidarität“. Auf die Frage, ob er denn noch irgendwelche Ämter anstrebe, sagt er klar und deutlich: „Man fängt keine 2. Karriere an.

Nicht im politischen Bereich. Im privaten allerdings schon. Nach dem Aus als Staatssekretär wollte er nicht die Beine hochlegen, die Ruhe genießen. Nein, Westermann suchte eine Herausforderung: „Ich füllte das Vakuum mit einem Philosophie-Studium an der Heinrich-Heine Universität in Düsseldorf aus. Er wollte es noch einmal wissen, mithalten mit den Jüngeren. Und so absolvierte er den Logistikschein mit einer eins minus. Und bei der Zwischenprüfung traf er auf eine Professorin, die seine eigene Tochter hätte sein können. Alles kein Hindernis. Mit der Bestnote 1,0 schaffte er auch diese Herausforderung. Das reichte dann auch.

Mit der alten sokratischen Erkenntnis: Ich weiß, dass ich nichts weiß, verließ er die Uni. „Vielleicht mach’ ich ja noch mal weiter“, sagt er heute, bevor er auf seine große Leidenschaft, die Musik, zu sprechen kommt. Das Keyboard ist aus seinem Wohnzimmer nicht wegzudenken. Und irgendwann will der seit 20 Jahren ehrenamtliche Präsident des Volksmusikerbundes NRW (und auch HSK), das Saxofon wieder hervorholen.

Wenn Jochen Westermann dann noch die Musik mit der Politik verbinden kann, ist er zufrieden. Erst im letzten Jahr hat er das erste Lied der Arnsberger SPD getextet. 10 Strophen spiegeln die über 90-jährige Geschichte wider. Welturaufführung erlebte die vertonte Historie zum 76. Geburtstag seines alten Mitstreiters und Genossen Ferdi Franke.

 
 

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