Sauerland-Museum zeigt Flucht aus deutschen Ostgebieten

lüchtlingselend: Frauen, Jugendliche und Männer aus den deutschen Ostgebieten warten an einem Bahnhof auf den Weitertransport in Richtung Westen.
lüchtlingselend: Frauen, Jugendliche und Männer aus den deutschen Ostgebieten warten an einem Bahnhof auf den Weitertransport in Richtung Westen.
Foto: picture alliance / dpa
Am Beispiel einer damals 17-Jährigen, die aus Ostpreußen floh, arbeitet das Sauerland-Museum die Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkriegs auf.

Arnsberg. Nicht nur stumme Exponate sind in der künftigen Dauerausstellung nach Neueröffnung des Sauerland-Museums gefragt. Vielmehr sollen historisches Wissen und Geschehnisse auch visuell und akustisch abrufbar werden. Wie in der geplanten Ausstellungs-Sequenz „Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem Osten“. In diesem Raum können die Besucher dann die bedrückenden Erlebnisse der heute 88-jährigen Elfriede Oberg auf ihrer einsamen Flucht als 17-Jährige von Ostpreußen bis nach Müschede authentisch nachvollziehen.

Anfang Oktober hatte Karl-Heinz Keller in unserer Zeitung über Elfriede Oberg berichtet. Genauer über deren Buch „Der Rucksack“, in dem die Müschederin ihre Erinnerungen an die masurische Heimat und an die Flucht vor den unaufhaltsam heranstürmenden russischen Truppen festgehalten hat. Ein Bericht, der Museumsleiter Dr. Jürgen Schulte-Hobein sofort fesselte und ihn Kontakt mit der 88-Jährigen aufnehmen ließ. „Weil ich schon bei der Lektüre sehr bewegt war.“

Exemplarische für

Denn die Erlebnisse Elfriede Obergs seien ein Paradebeispiel und damit exemplarisch für das schlimme Geschehen der letzten Kriegsmonate in den deutschen Ostgebieten. Und in diesem Fall sogar besonders eindringlich: „Sie ging mit 17 Jahren völlig allein auf die Flucht, wurde ein Stück des Weges von einem Wehrmachtfahrzeug mitgenommen, war dann wieder allein unterwegs, schloss sich schließlich einem Treck an und erlebte auf dem zugefrorenen Frischen Haff das Einbrechen von Mensch und Pferd in das Eis. Das geht einfach unter die Haut.“

Und gerade derartige Erlebnisse, so Schulte-Hobein, gelte es, für die Nachwelt authentisch und nachvollziehbar zu erhalten. So freue er sich sehr, dass Elfriede Oberg sich bereiterklärt habe, über diesen Abschnitt ihres jungen Lebens vor der Kamera zu berichten. „Damit wird dieser Teil der jüngeren deutschen Geschichte in personifizierter Form dauerhaft im Museum präsent.“

Vor allem die Jugend werde so direkt angesprochen. Denn in dieser Sequenz der neu zu konzipierenden Dauerausstellung werde unter anderem auch ein großes Bild Elfriede Obergs zu sehen sein. „Als 17-Jährige. Und weil sich Jugendliche meist nur mit Gleichaltrigen identifizieren, werden sie so einen leichteren Zugang zu den Aufzeichnungen finden. Und allem, was damit zu tun hat. Deshalb bin ich sehr froh, dass Frau Oberg den Film- und Tonaufnahmen zugestimmt hat.“ Diese sollen nun in den nächsten Wochen erfolgen.

Leichterer Zugang für die Jugend

In der Ausstellung zu sehen sein wird auch Elfriede Obergs Rucksack, der ihren Lebenserinnerungen den Namen gegeben hat. Denn auf der Flucht, so Schulte-Hobein weiter, habe ein Kettenfahrzeug unbeabsichtigt den Koffer der 17-Jährigen zermalmt und dessen Inhalt zerfetzt. „Ein deutscher Soldat hat ihr dann den Rucksack geschenkt, blutverschmiert und mit einem Einschuss.“ Der Rucksack begleitete Elfriede Oberg bis nach Müschede und wird dort noch heute als kostbare Erinnerung in Ehren gehalten. „Und obwohl sie zu diesem Stück eine enorm starke emotionale Beziehung hat, hat sie uns den Rucksack schweren Herzens als Dauerleihgabe überlassen.“

Elfriede Oberg sah ihre Mutter übrigens erst 1957 wieder. Und den Vater sogar noch Jahre später.

Info

In den letzten Monaten des 2. Weltkriegs flohen Millionen von Deutschen vor den sowjetischen Armeen aus Ostpreußen, Schlesien, Pommern, dem Sudetenland und anderen Staaten Ost- und Südosteuropas.

Dieser Flucht folgte im Sommer 1945 eine systematische Massenvertreibung der deutschen Bevölkerung östlich von Oder und Neiße.

Etwa 12 Millionen Menschen verloren so nicht nur ihre Heimat, sondern büßten auch ihren gesamten Besitz ein.

Im Westen angekommen, wo es für die Flüchtlinge und Vertriebenen oft keinen Wohnraum und keine Arbeit gab, sahen sie sich nicht selten Misstrauen und Anfeindungen ausgesetzt.

Deren Unterbringung und Integration wurde in den schwierigen Nachkriegsjahren den Kreisverwaltungen übertragen.

 
 

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