Quereinsteiger in regenerative Landwirtschaft

Foto: Martin Haselhorst

Ainkhausen..  Ein Blick in den Kühlwagen. Die ersten Masthähnchen sind geschlachtet. Jonathan Wittmann (27) begutachtet das Fleisch. Kräftige Böllecken, guter Fettanteil und satte Farbe des Fleisches. Der junge Mann ist zufrieden. Gemeinsam mit seinem Bruder Benedikt (25) und Sören Spiekermann (27) wagt er auf den grünen Weiden Ainkhausens bei Oelinghausen ein ökologisches Start-Up. Unter der Marke „Schickermooser“ produzieren sie Masthähnchen in natürlicher Weidehaltung.

Das kuriose daran: Die drei Männer sind absolute Quereinsteiger. Jonathan studierte Wassermanagement in Holland, Benedikt beschäftigte sich an der Uni mit International Business Comunication. „Das war dann doch nicht meine Welt“, meint Benedikt. Und auch sein Bruder suchte etwas, „wo ich meine ökologische Ader besser ausleben kann“. Etwas anders bei Sören: Er lernte Industrie-Kaufmann bei Fischer Leuchten und studierte dann zwei Jahre ökologische Agrarwissenschaften.

„Naturburschen waren wir schon immer“, erzählt Benedikt Wittmann. Die Start-Up-Partner kennen sich seit gemeinsamen Schulzeiten am Neheimer St. Ursula-Gymnasium und entwickelten die Idee zur ökologischen Hähnchen-Mast gemeinsam. Lange und gründlich bereiteten sie sich vor, lasen und recherchierten viel, erstellten Businesspläne und entwickelten ein Konzept. „Wir wollen nachhaltig und regenerativ agieren“, sagen sie. Sie wollen die Umwelt nicht nur schonen, sondern die Bodenqualität verbessern.

Maximal 300 Tiere pro Gruppe

Das Prinzip: Gruppen von maximal 300 Tieren werden in fünf Ställe mit Freilauf untergebracht. Täglich wandern die Tiere mitsamt Stall weiter über die Weide. Jonathan Wittmann hat die Stallung selbst entworfen und aus Holz gebaut. Mit einer Sackkarre kann ein Mann die Hähnchen-Zelte „wandern“ lassen. Tagsüber sind die Hähnchen im Freilauf, futtern Gras und alles, was die Weide so hergibt. Das Mastfutter stammt vom Biobetrieb.

„Wir wollen Qualität statt Quantität“, sagt Benedikt Wittmann. Maximal 6000 Tiere sollen im Jahr produziert werden. Sie werden zehn bis zwölf statt üblicherweise sechs Wochen gemästet. Bei maximaler Auslastung der 10 Hektar Weiden werden zeitgleich 1800 Hähnchen gehalten. „Und das wollen wir auch nicht ausweiten“, sagen sie. Lieber wollen sie andere Tierhaltungen oder landwirtschaftliche Produkte hinzunehmen. Schon jetzt haben die Hähnchen Gesellschaft. Im Freilauf schnattert stets eine Wachgans. „Das hilft gegen Füchse“, hoffen die drei Jung-Bauern.

Ihre Flächen fanden sie auf dem Tigges Hof. „Das passt auch in unser Konzept“, sagt Ursula Tigges. Die Betriebe kooperieren. Bewirtschaftet werden sollen die Hähnchen-Weiden nach dem Büffelherden-Prinzip. Erst zieht die Rinderherde der Tigges’ über die Wiese, dann kommen die Hähnchen. Die Qualität der Flächen werde so verbessert. „Der bloße Erhalt der Ressourcen ist doch längst schon nicht mehr genug“, meint Benedikt Wittmann, „wir sehen uns als Teil der recht jungen internationalen Bewegung für regenerative Landwirtschaft“.

Die jungen Bauern stapfen weiter über „ihre“ Weiden. Hier steht auch ein altes Haus, in dem sie jetzt auch wohnen. Darin auch ein fester Stall für die Küken. Sie sind einen Tag alt, wenn sie aus der Bioland-Brüterei nach Ainkhausen kommen. Nach ein paar Tagen unter der Wärmeplatte wechseln sie in ihren ersten Freiluftstall - und sobald sie nicht mehr durch die Zaunmaschen schlüpfen auch in den Freilauf.

Bei aller Romantik: Auch dieses Leben endet im Kochtopf. Die Hähnchen-Bauern wünschen sich, dass auch hier dem Tier Respekt gezollt wird. Sie wollen auch Koch-Tipps oder Kochschulen anbieten, damit das Öko-Hähnchen auch genossen wird. „So ein wertvolles Fleisch isst man nicht nebenbei, während man mit dem Smartphone spielt“, sagt Benedikt Wittmann.

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