Landwirte setzen auf Prinzip der "gläsernen Kuh"

Stefan Pohl
Produktionsberaterin Tina Schröer berät Landwirte in Sachen Milchviehhaltung.
Produktionsberaterin Tina Schröer berät Landwirte in Sachen Milchviehhaltung.
Foto: Funke Foto Services
  • Vor allem Städter haben heute noch ein romantisches Bild von der Landwirtschaft
  • Produktionsberater unterstützen Milchviehhalter bei der Arbeit
  • Optimierung der Fütterung ist das Ziel

Arnsberg. Glückliche Kühe auf saftigen Wiesen, Blumengärten vor dem Hof, zufriedene Bauersleute, die das Feld bestellen, der Hofhund, der mit den Kindern spielt - das Bild vieler Städter von der Landwirtschaft ist immer noch romantisch verklärt. Das Nichtvorkommen des Zwangs zum Geldverdienen und der (Computer-)-Technik gehört dazu.

Der Bauer von heute muss nicht nur die Milchproduktion steuern oder Felder bewirtschaften - er sollte auch Manager sein. Denn es geht um Effizienz. Milchviehalter Markus Wenniges (31) aus Arnsberg lässt sich helfen. Schon aus Eigeninteresse. Die Haltung verursacht Kosten, allein für Futter, vor allem Kraftfutter. Das will optimiert sein.

Rundum-Paket

Wenniges setzt dabei auf die Unterstützung von Tina Schroer von der Landwirtschaftskammer in Meschede, zuständig für den Hochsauerlandkreis, den Kreis Olpe und den Kreis Soest. Sie bietet eine Art Rundum-Paket für Milchviehhalter an, berät bei Fütterung und Haltung. Natürlich nicht unentgeltlich. „Das zahlt sich aus“, sagt Markus Wenniges. „Wir haben vor 18 Monaten einen neuen Stall gebaut. Je gesünder die Tiere sind, desto mehr verdiene ich.“ Das ist umso wichtiger, als der Erzeugerpreis für Milch im Keller ist: Um die 25 Cent für den Liter bei vier Prozent Fett - Standard. „Im Moment lohnt sich das nicht“, sagt der Landwirt, der auf seinem Familienbetrieb 95 Milchkühe und 60 bis 70 Rinder und Kälber hält. Warum also noch eine Produktionsberaterin?

Alle Daten im Computer

Tina Schröer, die gerade seinen Hof besucht, hat die Daten aller seiner Milchkühe im Computer. Und dazu die von weiteren 40 Kunden im Umkreis. Mit zwei Programmen: für Milchleistungskontrolle und für Futtermittelrationen. Ihren Laptop nimmt sie mit, wenn neue Futter-Rationen auszurechnen sind. „Ich sehe die Zahlen, Markus die Tiere selbst“, erklärt sie das Prinzip der gläsernen Kuh. Er hat das Bauchgefühl, warum eine Kuh plötzlich weniger Milch gibt, sie liefert die Daten dafür. Und die schickt sie ihm dann per Screenshot. Zusammen ergibt das ein stimmiges Bild. Man könne sehr viel aus der Milchkontrolle herauslesen, sagt die studierte Agrar-Ingenieurin (FH Soest). „Das ist wie ein Frühwarnsystem, wie eine Blutuntersuchung beim Menschen.“ Natürlich gibt es auch Fälle, in denen ein Tier eher einen Tierarzt braucht als eine neue Futterzusammensetzung. Aber das ist seltener.

Aktuell zeigen sechs Milchkühe auf dem Hof von Markus Wenniges Auffälligkeiten: Rosa, Nina, Mila, Paraguay, Lilly und Lampe. Es geht um Daten, die in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen müssen: Erste Kalbung, Milchleistung pro Tag, Fettanteil, Eiweißanteil und anderes. „Ich schaue mir dann die Pansenfüllung an, wieviel Futter die Kuh aufgenommen hat, ob das Fell glänzt, ob der Augenkontakt lebhaft ist. So kann man etwa einen Energiemangel früh erkennen und gegensteuern“, erklärt Schröer. „Ich bin jeden Tag im Stall, da stellt sich schon mal Betriebsblindheit ein“, ergänzt Markus Wenniges.

Es geht um Optimierung. Tierliebe ist natürlich auch dabei. „Das Tier soll möglichst viel Milch aus dem Grundfutter, der Silage, ziehen“, erklärt Schröer. Das sei kostengünstiger. Diese Trogration sei für alle Tiere gleich. Darüber hinaus gibt es sechs Kilo Kraftfutter aus Mais, Rapsschrot, Gerste und Weizen pro Tag für Tiere mit einer Milchleistung von über 25 Liter pro Tag. Das gelingt, weil die Bauernhöfe in der digitalen Welt angekommen sind: Wenn eine leistungsstarke Kuh eine spezielle Box im Stall betritt, erkennt ein Computer an einem Chip am Halsband, dass es sich um das richtige Tier handelt und schüttet - über den Tag verteilt - das Kraftfutter aus, erklärt die Produktionsberaterin. Bei den anderen funktioniert das nicht - ein anderer Chip. Schröer macht ihren Job gern, das ist ihr anzumerken.

Übrigens: Die Anfangsbuchstaben der Kuhnamen richten sich nach dem Namen der Mütter - ansonsten sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt: Eine schwarze Kuh ohne weiße Flecken heißt auf dem Hof von Markus Wenniges „Obama“, eine Kuh mit Glubschaugen „Özil“, „Pisa“ hat ein schiefes Gesicht. Nicht alles auf den Höfen ist Effizienz und Optimierung.