Ein kleines Auto aus Arnsberg ist heute eine große „Nummer“

Otto Kilpert mit einem Modell eines F 125
Otto Kilpert mit einem Modell eines F 125
Foto: WP

Arnsberg..  1955 verlässt der letzte Kleinschnittger-Pkw vom Typ „F 125“ die Produktionsstätte auf der Hammerweide, 1957 kommt dann das endgültige Aus für den ins Trudeln geratenen Arnsberger Autobauer. Für viele eine längst vergessene Episode heimischer Wirtschaftsgeschichte. Doch für den einstigen Testfahrer des Werkes, Otto Kilpert, nimmt mit der Schließung die Geschichte Kleinschnittger erst so richtig Fahrt auf. Heute ist er Ehrenvorsitzender der internationalen „Kleinschnittger Euro Interessengemeinschaft“.

Otto Kilpert, der seinen Ruhestand in Grevenstein verlebt, erlebt die Produktion der schnuckelig-kleinen Kleinschnittger-Fahrzeuge F 125 - das „stärkere“ Nachfolgermodell F 250 kommt aufgrund fehlender Finanzmittel nie über den Prototypen hinaus - von Beginn an mit. „Und das bis zum bitteren Ende,“ blickt der 81-Jährige noch immer traurig auf die letzten Tage des Unternehmens zurück.

Immerhin: Bei der Betriebsaufnahme 1950 stellen auf der Hammerweide 50 Mitarbeiter in Handarbeit den F 125 auf die Räder. Aus vielen Einzelteilen. In der besten Zeit, das sind die Jahre zwischen 1951 und 1954, sind es gar 120, die dort ihr tägliches Brot verdienen.

Der anfängliche Verkaufserfolg dieser Klein-Pkw hat mehrere Gründe, weiß Otto Kilpert: „Zum einen mussten die Menschen so kurz nach Kriegsende mit dem Geld haushalten und griffen daher auf unsere preisgünstigen Wagen zurück. Zum anderen hat ein F 125 gerade einmal 125 Kubik bei 5 PS. Damit konnte jeder Besitzer eines Motorradführerscheins der damaligen Klasse IV ein solches Auto fahren. Und das war schon was.“

Doch mit dem Aufkommen des Wirtschaftswunders und den damit verbundenen dickeren Portemonnaies ändert sich auch schnell das Kaufverhalten der Deutschen: Etwas größer darf es schon sein, das geliebte Auto.

Nutzloser Werbegag

So gerät das Unternehmen in finanzielle Schieflage, das Nachfolgemodell F 250 bleibt auf der Strecke. Die Banken seien nicht mehr bereit gewesen, erzählt Kilpert, noch weitere Kredite zu gewähren. Folge: Im August 1957 wird die Produktion eingestellt, das Unternehmen geht sang- und klanglos in Konkurs.

In das harte Ringen um Kredite, so der 81-Jährige, müsse man auch das legendäre und weit verbreitete Foto einordnen, auf dem Firmengründer und -chef Paul Kleinschnittger mit einem Fiat-Pkw gleich 15 F 125 mit Seilen zum Bahnhof zieht. „Das war nur ein Werbegag, denn als er am Bahnhof ankam, waren viele der Fahrzeuge beschädigt.“ Ebenso ein Trick seien die seinerzeit kolportierten Verkaufszahlen gewesen: „Es wurden nicht über 3 000 sondern nur 1 998 F 125 an den Kunden gebracht.“ Kleine Geschichten eben in der Geschichte.

Besonders begeisterte Abnehmer des kleinen F 125 sind übrigens erstaunlicherweise, die, die sonst nur die ganz großen Schlitten fahren: die amerikanischen Besatzungssoldaten in Hessen, „die dann unsere Wagen später mit zurück in die USA nahmen.“ Und so kommt es, haben Kilperts langjährige Recherchen ergeben, dass Kleinschnittger aus Arnsberg in der ganzen Welt zu finden sind. „Sogar in Neuseeland.“

Jeden Tag am PC

Wie viele es genau sind, die die vergangenen 56 Jahre vergessen in Scheunen oder fahrbereit in Garagen überlebt haben, das haben Otto Kilperts Nachforschungen noch nicht ergeben. Aber: „Ich entdecke täglich mehr.“

Daran Anteil hat sicher der 1989 aus dem „Kleinschnittger-Freundeskreis“ hervorgegangene Verein „Kleinschnittger Euro IG“ mit inzwischen weltweit über 100 Mitgliedern in u.a. den USA, Belgien, England und den Niederlanden, die die Homepage der Interessengemeinschaft als wichtige Informationsquelle nutzen.

Und da kommt wieder der ehemalige Testfahrer Kilpert ins Spiel. Nicht mehr mit dem rechten Fuß auf dem zierlichen Gaspedal, sondern mit der linken Hand an der Computer-Maus. „Jeden Morgen sitze ich mindestens eine Stunde am PC, um alle einlaufenden Fragen zu beantworten.“ Schließlich wolle ein jeder stolze Besitzer eines F 125 wissen, wie ein solcher Wagen nach dem Originalvorbild zu restaurieren sei: Wo saß die Zündspule? Wo der Sicherungskasten? Und wo bekomme ich noch Original-Ersatzteile her?

Fragen über Fragen. Aber die wird Otto Kilpert alle hinreichend beantworten. „So lange jedenfalls, wie es meine Gesundheit erlaubt.“

Otto Kilpert hat von 1946 bis 1949 im Arnsberger Autohaus Jost das Kfz-Handwerk erlernt.

In die Produktion der Kleinschnittger-Fahrzeuge waren auch Kleinbetriebe aus dem Sauerland involviert, die einzelne Teile fertigten, die in Arnsberg nicht hergestellt werden konnten.

Den Motor lieferten die Ilo-Werke aus Pinneberg.

Das Kleinschnittger-Treffen 2014 ist in der Schweiz.

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