Bürgermeister Vogel über ein "digitales Arnsberg"

Arnsbergs Bürgermeister Hans-Josef Vogel hat Visionen von einer digitalen Zukunft für seine Stadt.
Arnsbergs Bürgermeister Hans-Josef Vogel hat Visionen von einer digitalen Zukunft für seine Stadt.
Foto: Hartwig Sellmann/WNM
Die Digitalisierung der Stadt Arnsberg ist eines der strategischen Zukunftsziele von Arnsbergs Bürgermeister Hans-Josef Vogel.

Arnsberg. Was für ein Leitbild verbirgt sich hinter Ihrem Arbeitsbegriff „Digitales Arnsberg“?

Hans-Josef Vogel: Wie wir leben, arbeiten, uns bilden, Freizeit gestalten, miteinander kommunizieren, Wissen teilen, helfen, wird wesentlich und immer mehr vom Internet von digitaler Technik und digitalen Inhalten bestimmt. Und wenn eine Stadt das positiv für die öffentlichen Dinge nutzt, neue digitale Chancen erfindet und Potenziale mit Hilfe der Digitalisierung für Bürger, Vereine und Wirtschaft mobilisiert, dann ist sie eine „Digitale Stadt“. Digitalisierung - das ist das zweite - ist gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Wandel. Wenn eine Stadt diesen Wandel kritisch und kreativ gestaltet, kann sie die Lebensqualität verbessern, den Standort stärken und dabei nicht nur sich, sondern die ganze Welt und ihr Wissen im Blick halten. Dann ist sie eine „Digitale Stadt“ - interessant für Jüngere und Ältere, für Nachwuchskräfte und neue Unternehmen, für junge Familien und Bürgerengagement.

Welche infrastrukturellen Voraussetzungen müssen dafür geschaffen werden? Welche wurden bereits geschaffen?

Hans-Josef Vogel: Arnsberg hat mehr Handys als Einwohner. Über die Hälfte der Arnsberger/innen nutzen ein Smartphone. Sie haben insgesamt über 1,5 Millionen Apps heruntergeladen. Die Handys werden in drei bis fünf Jahren gegen neue Smartphones ausgetauscht sein. Arnsbergs Jugendliche sind den Erwachsenen digital weit voraus. Das zeigt unsere Jugendbefragung. Sie nutzen stationäres Internet mehr als Fernsehen. Das mobile Internet reicht an die TV-Nutzung heran. 80 Prozent der Jugendlichen nutzen ein Smartphone, 90 Prozent Laptop oder PC.

80 Prozent sind bei Facebook, 75 Prozent bei WhatsApp, 88 Prozent täglich im Internet. Die Stadt hat hat alles getan, dass wir bei stationären Breitbandanschlüssen zwischen zwei Unternehmen - Unitymedia (plant Glasfaserausbau) und Deutsche Telekom - wählen können und unsere Dörfer angeschlossen wurden. Mobilfunk wird durch Deutsche Telekom und Vodafone weiter ausgebaut. In einzelnen Gewerbegebieten muss das Internet schneller werden.

Wir wollen als bürgerschaftliches Projekt kostenloses freies WLAN schaffen. Internet ist Bürgerrecht. Wer sich keinen Anschluss leisten kann, erhält so Zugang zum Internet. Bürger teilen sich Internet-leistungen.

Welche Rollen spielen die Schulen? Was muss hier gemacht werden? Was wurde auf den Weg gebracht?

Hans-Josef Vogel: Schülerinnen und Schüler erwarten, dass sie digitale Kompetenzen für eine digitale Welt erwerben. Für Schule gilt nicht mehr die Formel: Handy wahrgenommen, Handy weggenommen. Im Gegenteil: Junge Leute müssen in der Lage sein, digitale Kompetenzen kreativ und kritisch anzuwenden. Mit Hilfe digitaler Technik und digitaler Inhalte kann man besser individueller und schneller lernen als ohne sie: Sprachen, Mathe, Geografie, Geschichte, Kunst, Musik und so weiter. Ich habe das bei Unterrichtsbesuchen im Franz-Stock-Gymnasium erlebt. Und den Schülern bereitet das richtig Spaß. Gehen Sie mal in den Musikunterricht von Antje Tetzlaff. Dort erleben Sie, wie junge Leute mithilfe von Tablets in unterschiedlichen Musikstilen komponieren. Die Stadt als Schulträger ist gefordert, mit Wirtschaft und allen, denen eine zukunftsfähige Bildung unserer Jugend am Herzen liegt, die Klassenräume mit digitaler Infrastruktur wie WLAN, Beamer und anderes auszustatten, aber auch die zu unterstützen, die sich digitale Geräte nicht leisten können. Die alten PC-Fachräume können größten Teils eingespart werden.

In Arnsberg gibt es Bestrebungen, ein Bürgernetz zu etablieren! Was verbirgt sich hinter der Freifunk-Idee und was ist die Zielsetzung?

Hans-Josef Vogel: Wir wollen ein offenes freies WLAN als bürgerschaftliches Projekt mit Unterstützung von Freifunk Rheinland schaffen. Zunächst als Piloten vom Glockenturm bis zum Laurentianum. Kostenlos für alle in dem Nahbereich. So können Personen, die sich einen Internetanschluss nicht leisten können, auch online gehen, wie Kunden, Touristen, Gäste, junge Leute vor Ort. Voraussetzung sind Router, die sich durch Funkkontakt miteinander verbinden und Bürger, die sich Internetleistungen teilen. Dieses erste Netz kann erweitert werden. Für Bürger von Bürgern entsteht über WLAN hinaus ein lokales Bürgernetz - unabhängig vom Internet.

Welche Rollen spielen Verwaltungen, Politik und lokaljournalistische Medien ihrer Ansicht nach in einem digitalen Arnsberg und wie verändern sich hier die Anforderungen?

Hans-Josef Vogel: Der Medienwandel hat sich noch einmal beschleunigt hin zu den digitalen Diensten. Wir werden Verwaltung, Politik und lokaljournalistische Medien in zehn Jahren nicht wieder erkennen, wenn sie die Chancen nutzen. Sonst sind sie weg. Oder viel schlimmer, die Stadt ist weg vom Fenster. Das Leitbild „Digitale Stadt“ beinhaltet das Leitbild „Vernetzte und transparente Verwaltung“, das auf die neuen Möglichkeiten der digitalen Welt aufbaut. Es wird neue Konzepte von Demokratie und Bürgerbeteiligung geben. Das Internet als Plattform eröffnet neue Möglichkeiten mitzuma-chen und mitzuentscheiden. Die digital vernetzte lokale Demokratie stärkt wie nie zuvor das bürgerschaftliche Engagement für die eigene Stadt. „Digitales Ehrenamt“, digitale Bürgerkonsultationen sind schon da. Eine neue größere Öffentlichkeit entsteht, die nicht allein von professionellen Lokaljournalisten gemacht wird, sondern in der sozialen Praxis der Beteiligten entsteht. Schauen Sie ins Netz. Vergleichen wir neue digitale Öffentlichkeit mit der alten, so ist diese diverser, regelfreier, pulsie-render, unübersichtlicher, lebhafter, bunter. Die Lokaljournalisten werden wichtiger für umfangreiche Einordnung, für Hintergrund und überra-schende Geschichten.

Welche Rolle spielt ihre Leitidee für den Handel in der Stadt angesichts stark zunehmender Online-Kaufaktivitäten?

Hans-Josef Vogel: Der Online-Handel wächst und wächst. Er wird zur Konkurrenz der stationären Geschäfte in jeder Innenstadt. Die Antwort kann nur sein, stationär und online zu sein und daraus zu lernen, Handel in Formen weiter zu entwickeln, die wir noch nicht kennen. Und wir dürfen Innenstädte nicht nur als Geschäftsbereiche sehen, sondern auch als Orte von Begegnung, von Kultur und Baukultur, von neuen „Grün“-Bewegungen wie in Andernach, von neuen Konsumstilen, von guter Gastronomie, von vernetzter Selbstorganisation. Eine Art „Sharing-Economy“ scheint heranzuwachsen: Nutzen statt besitzen.

Welche Bedeutung haben Online, Twitter und Facebook (und andere Netzwerke) für ihre politische und Verwaltungskommunikation?

Hans-Josef Vogel: Für mich sind Kurznachrichtendienste wie Twitter oder WhatsApp wichtig. Sie machen aufmerksam, wo ich für unsere Stadt lernen kann, auf das, was andere neu erfinden, besser machen. Sie ermöglichen es mir, mit unseren Ideen und Projekten für unsere Stadt zu werben, für „Made in Arnsberg“. Dies führt zu neuem Bürgerengagement. Das gilt auch für die Verwaltung: Die jeweils wichtigen Nachrichten „bestellen“ zu können und mit unseren „Nachrichten“ zu verbinden. Wir werden bald „Offene Daten“ ins Netz stellen. Sie gehören ja nicht der Stadt, sondern allen. Jede und jeder kann dann daraus was machen, was ihm und allen nützt. Wissen wird geteilt und dadurch wertvoller.

Wie schafft man es, dass ein digitales Arnsberg mit dann zunehmenden Informations- und Kommunikationsströmen die Gesellschaft nicht teilt in Digitals und Non-Digitals? Nicht alle Bürger haben Lust auf digitale Soziale Netzwerke, Twitter und Co.?

Hans-Josef Vogel: Es muss parallel verschiedene Zugänge zu öffentlichen Leistungen und öffentlicher Teilhabe geben, Telefon, den Termin vor Ort, den Brief, das persönliche Gespräch im Stadtbüro, im Kulturbüro, im Standesamt, im Jugendamt, in der Schulverwaltung, usw.. Vielleicht ist und bleibt das für eine liebenswerte Stadt das Wichtigste. Aber auch dafür brauchen wir digitale Inhalte. Ohne diese keine 115 als einheitliche Behördennummer.

Was wird auf dem Höhepunkt des Prozesses die Stärke eines digitalen Arnsbergs gegenüber wo-möglich rückständigeren Kommunen sein? Was ist ihre Vision einer digitalisierten Stadt?

Hans-Josef Vogel: Potenziale werden entdeckt und entfaltet. Wissen wird geteilt. Bürgerengagement. Demografische Veränderungen, Energiewende/Klima“Politik“ des einzelnen, Vielfalt, Dörfer und Stadtteile, neue Lebensstile, langes Leben können besser gestaltet werden. Die Anstrengungen lohnen. Vieles wird einfacher und schneller. Wir haben mehr Zeit füreinander, für die immateriellen Werte, auch für Kritik und Kreativität. Wir alle bleiben der Zukunft hier bei uns auf der Spur. Es ist unsere Zukunft.