Der Traum von der legalen Wand

Graffiti-Künstler Marcel Veneman im Gespräch mit Willi Möseler (97) aus Neheim.
Graffiti-Künstler Marcel Veneman im Gespräch mit Willi Möseler (97) aus Neheim.
Foto: WR

Neheim-Hüsten.. Graffiti spaltet. Für die einen ist es Kunst, für andere Schmiererei oder gar Vandalismus. „Es gibt keine ,guten’ und ,nicht guten’ Graffiti“, urteilte jüngst eine heimische Behörde, als sie um Erlaubnis für einen Sprayer-Workshop gefragt wurde. „Graffiti sind Sachbeschädigung.“ Antrag abgelehnt. Bis der Workshop dennoch stattfinden konnte, war es ein langer Weg.

Geruch von Lösungsmitteln weht aus der Unterführung am Neheim-Hüstener Bahnhof, von fern schon hört man das typische Klack-Klack, wenn jemand eine Sprühdose schüttelt. Marcel Veneman ist gerade in paar Meter zurückgetreten, um sein Werk, das er an die Wand der Unterführung gesprayt hat, zu betrachten, als sich ein älterer Mann nähert. Der Senior bleibt stehen, schaut – und das Vorurteil im Kopf hört ihn schon schimpfen: „Schmiererei“, klagt er jetzt vielleicht, oder schlimmeres. Doch Willi Möseler, mit seinen 97 Jahren noch erstaunlich gut unterwegs, staunt nur.
„Das finde ich herrlich“, lobt er, „das sind richtige Künstler.“ Und immer wieder: „Dass die so etwas Tolles ganz einfach aus dem Kopf malen können - herrlich!“

Nicht jeder findet
Graffiti klasse

Nicht jeder sieht das so – und daher finden insbesondere junge Menschen, die ihre Lust am Malen mit der Sprühdose ausleben wollen, selten legale Möglichkeiten, dies zu tun. Mal gibt es Aufträge von Firmen, wenn die sich für ihre Verkaufsräume ein hippes Design wünschen. Doch Möglichkeiten, sich an so genannten „legalen Wänden“ auszuprobieren, Designs zu kreieren und seine Kunst zu entwickeln, gibt es in Arnsberg nicht. Seit Jahren stellen Mitglieder der heimischen Graffiti-Szene Anträge bei der Stadt, eine legale Möglichkeit für ihr Tun zu bekommen – meist mit wenig Erfolg.

„Es bedeutet mir sehr viel“, sagt Justin Terlohr (18), Schüler aus Neheim, über das Sprayen. „Wenn ich aus der Schule komme und andere vielleicht Fußballspielen gehen, dann denke ich über neue Bilder nach, male Skizzen“, sagt der junge Mann. „Es geht gar nicht mehr anders.“ Vor etwa zwei Jahren reichte er zusammen mit seinen Freunden Daniel Staneck und Philipp Jost einen Wettbewerbsbeitrag bei dem Projekt „Arnsbergs junge Helden“ der Bürgerstiftung ein. Daraus erwuchs jetzt ein Graffitiworkshop, der von der Bürgerstiftung zusammen mit dem Kinder- und Jugendzentrum Neheim realisiert wurde.

„Es war nicht einfach“, sagt Projektkoordinatorin Kirsten Minkel. Das größte Problem war, einen geeigneten Platz für die Sprayer zu finden. Die Unterführung im Schwiedinghauser Feld war mal im Blick. „Dafür hatten wir schon fertige Skizzen“, erinnert sich Justin Terlohr. „Mit Landschaften, der Möhne, dem Wappen der Schützenbrüder und der Johanneskirche.“ Doch der Eigentümer der Unterführung versagte eine Genehmigung. Auch andere Orte schieden aus, weil Nachbarn fürchteten, dass nicht nur an der „legalen Wand“ gesprüht würde. Schließlich fiel die Entscheidung für die Unterführung am Bahnhof, die im Eigentum der Stadt steht.

„Dann kann es doch nur Kunst sein“

David Radon (36), gebürtig aus Neheim, ist seit Jahren mit der Sprühdose unterwegs. Der Dortmunder gestaltet heute im Auftrag von Kunden große Wände, finanziert damit zum Teil seinen Lebensunterhalt. Im Workshop lehrte er die15 Teilnehmer des KiJu Neheim erst Theorie, ersann mit den Jungen und Mädchen ein gemeinsames Motiv (eine Szene aus dem Computerspiel SuperMario) und half den Teilnehmern beim Führen der ersten Sprühdosenstriche. Zu den Anfängern gesellten sich im Laufe der Woche immer mehr „Profis“ aus der heimischen Szene, die ihren Teil zum Gesamtkunstwerk in der Unterführung beitrugen. Das wird dann aus SuperMario bestehen und einem Dutzend „Tags“, eine Art Buchstabenkunstwerk, abstrakten und realistischen Zeichnungen.

Nicht jeder findet das so herrlich wie Willi Möseler – es gibt auch Kritik. Selbst die Polizei wurde schon von aufgeregten Passanten zu den Workshop-Teilnehmern geschickt. Aber, sagt Kirsten Minkel, „wenn so viele unterschiedliche Menschen wie hier so intensiv über das Projekt sprechen: Dann kann es doch nur Kunst sein!“

 
 

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