Atomraketen wären im Sauerland explodiert

Das frühere Atomwaffenlager Holzen bei Arnsberg: Eine Aufnahme aus dem Jahr 1992 von Markus Huester, als das Lager aufgegeben, aber noch nicht abgerissen war.
Das frühere Atomwaffenlager Holzen bei Arnsberg: Eine Aufnahme aus dem Jahr 1992 von Markus Huester, als das Lager aufgegeben, aber noch nicht abgerissen war.
Foto: unbekannt

Arnsberg.. Die im Munitionslager Holzen gelagerten Atomraketen wären im Kriegsfall im Sauerland explodiert. Davon geht der kanadische Nuklearexperte Dr. John Clearwater aus.

Dr. John Clearwater fand Unterlagen, die belegen, dass in Holzen „mindestens“ 48 nukleare Sprengköpfe mit der dreifachen Zerstörungskraft der Hiroshima-Bombe lagerten.

Die Atombomben sollten von Raketenwerfern mit „Honest John“-Raketen abgeschossen werden und den anrückenden Feind aufhalten. Als Boden-Boden-Raketen wären die Honest John „weniger als 30 Kilometer“ geflogen, weiß der kanadische Nuklearexperte. Dass damit hier eine atomare Katastrophe verbunden gewesen wäre, hatten die NATO-Militärs einkalkuliert. „Ja“, konstatiert Clearwater. „Der Dritte Weltkrieg hätte bei Ihnen stattgefunden. Das empfand man als einen deutlich besseren Ort, als bei uns in den USA oder Kanada.“

Mit Abschuss wäre atomare Katastrophe verbunden gewesen

Mehr als 20 Jahre nach Schließung des strengstens gesicherten Lagers Holzen ist immer noch vieles „top secret - streng geheim“. Doch während in den USA und Großbritannien Papiere über das Lager noch unter Verschluss gehalten werden, sind in Kanada einige Militär-Unterlagen öffentlich gemacht worden.

Dr. John Clearwater, weltweit anerkannter Experte in Sachen Nuklear-Waffen aus Ottawa, fand in Unterlagen des kanadischen Verteidigungsministeriums die entscheidenden Hinweise auf die Aktivitäten in Holzen.

„Mich interessierte die ,1. SSM Battery’, weil sie die einzige Einheit der Kanadischen Armee mit nuklearer Ausrüstung war“, erklärt Clearwater im Gespräch mit der WR. Die „1. SSM Bty“ war in den Kasernen in Hemer – und sie betreute ab September 1964 in Holzen W-31 Atomsprengköpfe.

16 kanadische atomare Sprengköpfe und 32 von den Briten

„Mitten in der Nacht erreichten die Sprengköpfe von Minden kommend das Lager auf großen Lkw“, schreibt Clearwater in seinem Buch „Canadian Nuclear Weapons“. Begleitet wurde der Transport von einer bewaffneten US-amerikanischen Einheit. 16 Sprengköpfe wurden in zwei Bunkern des Lagers („SAS-site“) eingefahren. Als die Transporter und die amerikanische Einheit wieder abrückten, wurde die Anlage bewacht „von 30 jungen, ziemlich nervösen Kanadiern und nur einer Handvoll Technikern der US-Armee.“ Zu den 16 kanadischen Sprengköpfen kamen „mindestens“ 32 britische, die schon zuvor dort gewesen waren, fand Waffenexperte Clearwater heraus. Ob danach noch weitere geliefert wurden, ist unklar – „geheim“.

Bei der Bewachung des Holzener Lagers wechselten sich die Kanadier mit den Briten, die in Menden stationiert waren, ab. Die Kommando-Gewalt hatten die Amerikaner mit ihrer „69th US Army Missile Support Detachment“ in Hemer. Sie hatten von dort eine direkte Verbindung ins Pentagon, um im Kriegsfall den Einsatzbefehl für die Holzener Atombomben zu bekommen.

Blieben Atombomben bis Anfang der 80er Jahre in Holzen?

Als die Kanadier aus dem Sauerland abgezogen wurden, gingen deren 16 Atombomben vermutlich in die Verantwortung der Briten über und blieben, so glaubt Clearwater, bis Anfang der 80er Jahre in den Bunkern.

Aus ehemals geheimen Unterlagen des Pentagon, die der WAZ-Mediengruppe vorliegen, geht jedenfalls hervor, dass die „Honest John“-Raketen, mit denen die Atomsprengköpfe abgefeuert worden wären, noch mindestens bis 1976 für den Einsatz in Deutschland vorgesehen waren.

 
 

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