Arnsbergs Apfel gerät in Vergessenheit

Hans Wulf am Grab von Carl Harbert
Hans Wulf am Grab von Carl Harbert
Foto: WR

Arnsberg.. Der Nachteil: Bei starkem Wind fällt er leicht vom Stamm. Ob das allerdings der Grund ist, warum der 1828 von Carl Harbert in Arnsberg gezüchtete Apfel mit dem wohlklingenden Namen Renette in der hiesigen Region fast ausgestorben ist, ist eine Vermutung. Eine andere, die Ende der 1960er Jahre von der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft gezahlte „Rodenprämie zur Verminderung marktstörender Obstmengen“, die Landwirte dazu ermutigte, ganze Streuobstwiesen abzuholzen. Wie immer es auch ist, Vielfalt bei Lebensmitteln spielt derzeit keine unbedeutende Rolle, vor allem dann nicht, wenn es um wohlschmeckende geht. Und zu dieser Kategorie zählt Harberts Renette zweifelsohne. „Das Fruchtfleisch ist gelblich weiß. fein. saftig, renettenartig gewürzt. Kräftige Säure bei hohem Zuckergehalt“, heißt es in einem Standardwerk über Äpfel.

Und wie die Recherchen der WR ergaben, soll es derzeit lediglich nur noch vier Bäume in der Stadt geben, die die köstliche Frucht tragen. Über das Schicksal eines im Jahre 2003 von den Freunden des Eichholzes gepflanzten Baumes, ist indes nichts mehr bekannt.

Zwei der Bäume stehen bei Hans Wulf, Berufsschullehrer und Fraktionssprecher der Grünen im Rat der Stadt Arnsberg, im Garten seines Hauses Hallenstraße 19. Die beiden anderen bei Anna-Dorothea Harbert, einer Ururgroßenkelin des Züchters und Bürgermeisters Carl Ludwig Anton Maria Harbert, in ihrem Garten an der Klosterstraße.

Als Hans Wulf im Jahre 1991 das denkmalgeschützte Haus mit meterdicken Grundmauern in der Hallenstraße erwarb, kannte er zwar einige Fakten aus der Historie. Dass er aber Jahre später auch Fachmann auf dem Gebiet der Pomologie, das ist die wissenschaftliche Apfelkunde, wird, hätte er wohl damals nie gedacht. Der Grund: Nicht nur Henneke von Essen, der im 15. Jahrhundert die Hexenverbrennung in der Stadt anprangerte und dann selbst auf dem Scheiterhaufen endete, sondern auch Carl Harbert gehörte zu den Vormietern. Harbert, der am 10. Oktober 1771 geboren wurde, war Bürger- und Landpfennigmeister, was heute in etwa dem Rang eines Regierungsvizepräsidenten entspricht. In seine Amtszeit fiel auch die Neuordnung Westfalens nach Napoleons Niederlage in Leipzig. Und damit auch die Wahl Arnsbergs zum Sitz der Bezirksregierung im Jahre 1816.

Doch seine politische Arbeit war nicht alles: Nebenbei widmete er sich der Apfelzucht. Und das mit großem Erfolg. Seine im Jahr 1828 erstmals erwähnte Renette wurde 1857 in Gotha von der Versammlung deutscher Pomologen zur allgemeinen Anpflanzung empfohlen. Wie sich Anna-Dorothea Harbert, die 87-jährige noch sehr rüstige Ururgroßenkelin von Carl Harbert, gestern im Gespräch mit der WR erinnerte, soll der Baum ursprünglich aber aus dem Kloster Rumbeck stammen, wo Carl Harberts Tante Eva Catarina als Nonne lebte und arbeitete.

Nachprüfen lässt sich das heute wohl nicht mehr. Harbert jedenfalls galt Zeit seines Lebens als begeisterter Apfelzüchter. Von der Hallenstraße zog er schließlich ins Eichholz.

Er starb am 11. Juli 1832 und wurde auf dem Eichholzfriedhof beigesetzt, wenige Meter von dem Haus entfernt, wo er den letzten Abschnitt seines Lebens verbrachte.

Hans Wulf erinnert sich: „Für die Menschen war Carl Harbert der Apfelzüchter. Ohne seine Renetten gar nicht vorstellbar. Und deshalb legten sie ihm jedes Jahr zu Allerheiligen immer ein paar aufs Grab. Irgendwann waren die weg. Dann hieß es, der alte Harbert habe sie geholt.“ Und dieser Brauch sei nie unterbrochen worden. Anna-Dorothea gehörte zu jenen, die die Äpfel aufs Grab des berühmten Verwandten legte. In diesem Jahr hat sich Hans Wulf, der noch einige Früchte der Ernte übrig hatte, dieser Tradition ebenfalls verpflichtet gefühlt.

Zur Ehrenrettung muss aber noch gesagt werden. Auch wenn sich Harberts Renette in Arnsberg rar gemacht hat, in anderen Bundesländern erfreut sie sich großer Beliebtheit und wurde 2007 sogar zum Streuobstbaum des Jahres ernannt.

 
 

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