Am Ende wird es nur noch zwei Schulformen geben

Nina Grunsky
Zu Beginn des Schuljahres ist Südwestfalen von großer Vielfalt geprägt, doch wird sich auf Dauer ein zweigliedriges System durchsetzen, sagt Experte Dr. Ernst Rösner.

Hagen/Arnsberg. „Abschied von der Hauptschule“ – so hat der Sauerländer Ernst Rösner vor 24 Jahren ein Buch betitelt. Und nun, da sich der Wissenschaftler, Mitarbeiter am Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung, gerade in den Ruhestand verabschiedet hat, scheint sich diese Prognose zu erfüllen.

Vor zwei Jahren noch, als sich in Düsseldorf die rot-grüne Minderheitsregierung mit der Opposition auf den Schulkompromiss verständigte, gab es in Rösners Heimatkommune Arnsberg fünf Hauptschulen. Nun öffnen nach dem Ende der Sommerferien zwei Sekundarschulen ihre Türen. Dafür werden zwei Haupt- und zwei Realschulen in der Stadt auslaufen. Somit bleibt von den fünf Hauptschulen eine übrig. Und die habe jetzt nur mit Müh und Not eine fünfte Klasse zustande bekommen, so Rösner. In fünf Jahren, sagt der Experte, werde es nirgends in NRW noch Fünftklässler an Hauptschulen geben. Diese Schulform werde verschwinden.

Wie ein Flächenbrand

23 Schulen gemeinsamen Lernens sind seit dem historischen Schulkompromiss in Südwestfalen gegründet worden, also Sekundar- und Gesamtschulen. Weitere werden in den kommenden Jahren gewiss folgen. Und für jede von ihnen werden Haupt- und Realschulen aufgelöst. Landesweit gab es im Jahr 1990 insgesamt 967 Hauptschulen. 2012 waren es nur noch 568.

„Das läuft wie ein Flächenbrand durch die ländlichen Regionen“, so Ernst Rösner. Und trifft wohl auch zunehmend die Realschulen, auch wenn deren Zahl zwischen 1990 und 2012 sogar angestiegen ist. Doch: „Die Realschulen haben in den vergangen Jahren deutlich bei den Übergangsquoten verloren“, so Rösner. Wechselten landesweit im Jahr 2001 noch 29,5 Prozent eines Jahrgangs, also nahezu ein Drittel nach der vierten Klasse auf die Realschule, waren es 2012 nur noch 25,5, ein gutes Viertel. Zum Beginn dieses Schuljahres ist diese Übergangsquote dem Düsseldorfer Schulministerium zufolge erneut gesunken.

Das Buch „Abschied von der Realschule“ will Rösner zwar nicht auch noch schreiben, dennoch gibt er auch dieser Schulform auf lange Sicht nicht mehr viele Chancen. Wenn es keine Hauptschule mehr am Ort gebe, müsse die Realschule auch die schwächeren Kinder aufnehmen, könne niemanden mehr abschulen. „Die Leistungsschwächeren aber werden an den Anforderungen scheitern“, fürchtet er. Folglich müssten sich die Kommunen und die Kollegien an den Realschulen rasch etwas einfallen lassen. Auch, weil viele Eltern ihre Kinder nicht auf der „Nachfolgeinstitution der Hauptschulen“ anmelden wollten. „Das sind die Marktgesetze, denen die Schulen unterliegen.“

Kommunen, die auf diesen „Megatrend“ nicht reagierten, sagt der Neheimer voraus, bald keine weiterführende Schule mehr am Ort zu haben. „Man darf die Schullandschaft nicht dem freien Spiel der Kräfte überlassen, sonst gibt es irgendwann lediglich eine Grundschule am Ort.“ Ein Zukunft, die Rösner zum Beispiel Balve prognostiziert.

Wie im Saarland

Bestehen blieben auf Dauer allein die Gymnasien, die bisher ihre Anmeldezahlen konstant halten könnten, obwohl die Schülerzahlen zurückgingen. „So wird es auch in Südwestfalen in Zukunft ein zweigliedriges Schulsystem geben, so wie bereits im Saarland, Hamburg, Bremen, Berlin“, ist der Schulforscher überzeugt: Gymnasien auf der einen, Sekundar- bzw. Gesamtschulen auf der anderen Seite.