Zurück auf dem Boden

Rio de Janeiro..  Man hätte es ja ahnen können. Wenn eine WM für den Gastgeber und selbst ernannten Favoriten im ersten Spiel mit einem Eigentor beginnt, dann kann am Ende nichts Gutes dabei rauskommen. Aber eine Schmach dieser apokalyptischen Ausmaße hatte dennoch keiner der 200 Millionen Brasilianer in seinen schlimmsten Alpträumen erwartet.

Gegen den „Mineiraço“ vom 8. Juli 2014, das 1:7 gegen Deutschland, nimmt sich der „Maracanãço“ vor 64 Jahren wie ein Witz aus. Torhüter Moacir Barbosa wurde in seiner Heimat sein ganzes Leben für den entscheidenden 1:2-Gegentreffer der Uruguayer im WM-Finale von 1950 geächtet. Nach der Leistung der Brasilianer vom Dienstag könnte es elf Barbosas geben.

In Brasilien ist Fußball wesentlich mehr als nur ein Sport. Er ist Quelle der nationalen Identität, des Selbstbewusstseins und der Freude. Jedes brasilianische Kind wächst mit der Gewissheit auf, dass sein Land im größten Sport der Welt das Beste ist. Zudem haben Land und Leute, Spieler, Trainer und Präsidentin aus dieser WM eine religiös überhöhte Veranstaltung gemacht, an deren Ende der Titel wie der Einzug ins himmlische Paradies stehen sollte. Auf den brasilianischen Spielern lastete die Verantwortung, die Schande von 1950 wettzumachen. Das alleine ist ja schon eine hohe Bürde. Aber dann kamen im letzten Jahr noch die sozialen Proteste dazu, die Kritik an der überteuren WM, die Forderungen nach besserer Bildung und mehr Gesundheit.

Roussef in Not

Der unfassliche Abend von Belo Horizonte trifft ein verunsichertes Land in einem Moment, in dem es nicht weiß, ob es Weltklasse ist oder doch eher nur regionale Großmacht. Beim Fußball steht diese Entscheidung seit Dienstag fest. Der Abschied aus der Gruppe der weltbesten Mannschaften wird die Zweifel an der brasilianischen Größe jenseits des Fußballs noch bestärken. Lange Jahre wurde das Modell Brasilien als der Königsweg für Schwellenländer bejubelt. Wirtschaftlichen Aufstieg mit sozialem Fortschritt zu paaren – niemand machte das besser als die Brasilianer. Der Aufstieg unter die fünf größten Wirtschaftsmächte schien nur eine Frage der Zeit. Doch seit Jahren stockt der Fortschritt – Korruption, Abschottung der Ökonomie und defizitäre Infrastruktur hemmen das Wachstum. Heute ist Brasilien in fast allen Vergleichstabellen am Ende zu finden.

Präsidentin Dilma Rousseff wird diese Niederlage noch lange begleiten. In drei Monaten will sie sich wiederwählen lassen. Nun werden die Diskussionen über die horrenden Kosten dieser WM, die Umsiedlungen, die Toten auf den Baustellen und in den Favelas wieder hochkochen. Und für alles wird Rousseff verantwortlich gemacht werden.

 
 

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