WM 2018: Kritiker fürchten WM-Chaos beim Videobeweis

Roberto Rosetti (links), Leiter des VAR-Projekts, präsentiert den Kontrollraum für den Videobeweis.
Roberto Rosetti (links), Leiter des VAR-Projekts, präsentiert den Kontrollraum für den Videobeweis.
Foto: dpa
Der Videobeweis feiert in Russland seine WM-Premiere. Die Diskussionen der vergangenen Monate lassen allerdings nichts Gutes erahnen.

Moskau.. Zuletzt brachte es sogar Joseph S. Blatter, dessen Ansichten meist nicht kompatibel mit der restlichen Fußball-Welt sind, auf den Punkt. "Da stehen mir meine letzten Haare zu Berge", sagte der frühere Präsident des Weltverbandes Fifa mit Blick auf auf den Einsatz des Videobeweises bei der WM-Endrunde in Russland (14. Juni bis 15. Juli) im 11Freunde-Sonderheft: "Wie kann man etwas zulassen, das nicht ausgereift ist?"

Genau wie der nach wie vor gesperrte Schweizer fürchten viele Experten ein Desaster bei der WM-Premiere des technischen Hilfsmittels. Dem widersprachen die Schiedsrichter-Bosse der Fifa am Dienstag energisch. "Wir sind bereit. Wir wissen, dass wir bereit sein müssen. Das ist kein Experiment hier", sagte Fifa-Direktor Massimo Busacca bei einer Pressekonferenz in Moskau: "Die Technologie ist eine große Hilfe - glauben Sie mir!"

Diskussionen auch mit Probelauf

Die Gründe für die Befürchtungen rund um den Videobeweis liegen nicht zuletzt in Deutschland. Seit zwei Jahren üben die Bundesliga-Schiedsrichter um Felix Zwayer (Berlin) und Bastian Dankert (Rostock), die bei der Endrunde als Video-Assistenten zum Einsatz kommen werden, den Umgang mit dem Hilfsmittel.

Ein Jahr im stillen Kämmerlein, ein Jahr im tatsächlichen Ligabetrieb. Herausgekommen sind dennoch allzu oft massive Diskussionen um Sinn und Zweck des Videobeweises. Es könnte ein Vorgeschmack auf das gewesen sein, was möglicherweise bei der WM unter den Augen der Welt mit weit mehr Zündstoff passieren wird.

Keine praktischen Erfahrungen

Das Chaos scheint programmiert. Schließlich hat die Mehrheit der 35 Schiedsrichter um Felix Brych (München) und der 13 Video-Assistenten keine praktische Erfahrung mit dem Hilfsmittel. Dass es mit ein paar Seminaren nicht getan ist, scheint eine Binsenweisheit. Offensichtlich reichen nicht einmal zwei Jahre des intensiven Umgangs mit dem Videobeweis für einen reibungslosen Ablauf.

Und so macht Uefa-Präsident Aleksander Ceferin keinen Hehl daraus, dass er die Entscheidung der Fifa zugunsten des Einsatzes in Russland für falsch hält. "Es ist eine Tatsache, dass der Videobeweis in den Ligen, in denen er bereits Anwendung findet, ein großes Durcheinander verursacht hat", sagte der Chef der Europäischen Fußball-Union (Uefa) im kicker: "Ist die WM die geeignete Bühne, eine neue Technik auszutesten? Eines ist klar: Es wird dort viele unklare Situationen geben."

Schiedsrichter rechnen mit Schwierigkeiten

Mit seiner Kritik steht der Uefa-Boss ("Ich habe Sorgen, weil Schiedsrichter eingesetzt werden, die noch nie mit dem Videobeweis zu tun hatten") beileibe nicht allein da. Hinter vorgehaltener Hand lassen selbst Bundesliga-Schiedsrichter durchblicken, dass sie auf der größten Bühne des Weltfußballs mit großen Schwierigkeiten rechnen.

Die Fifa sieht das naturgemäß anders. Schließlich hat das Council um den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel den Einsatz des Hilfsmittels, das Anfang März in das offizielle Regelwerk aufgenommen wurde, beschlossen. Und so stimmten auch Zwayer und Dankert bei ihrer WM-Nominierung in den Fifa-Tenor ein: "Wir sind sehr optimistisch, dass dieses System bei der WM gut funktionieren wird."

Wiederholungen auf den Anzeigetafeln

Dazu beitragen soll ein transparenter Ablauf. Für die Zuschauer innerhalb und außerhalb der Stadien sollen keine Fragen offen bleiben. Laut der Fifa werden Wiederholungen und Grafiken auf den Anzeigetafeln zu sehen sein. Zudem sollen die relevanten Informationen aus den Gesprächen zwischen Schiedsrichtern und Video-Assistenten an die TV- sowie Radio-Kommentatoren weitergeleitet werden. Erklärungen soll es auch auf der Fifa-Internetseite geben.

Beim Blick auf die Besetzung des sogenannten "Video Operations Room" in Moskau droht allerdings mehr Konfusion als Aufklärung - obwohl die Teams nach Sprachkenntnissen gebildet werden sollen. Pro Spiel werden neben dem Video-Assistenten ein weiterer Schiedsrichter und ein weiterer Assistent im Studio zum Einsatz kommen, Letzterer speziell für die Bewertung von Abseits-Situationen. Unterstützt wird dieses Trio außerdem von einem sogenannten "Support" – einem Offiziellen, der das Spiel im Fernsehen beobachtet und gegebenenfalls auch noch zusätzlich eingreifen kann. (sid)

 

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