WM 2018: Frankreich kämpft im Finale gegen das Trauma von 2016

Florian Haupt
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Moskau. Egal. Schnurzegal. Antoine Griezmann hat das Wort gleich ein paar Mal benutzt, als er seine Gedanken zum großen Finale äußerte. Egal sei ihm die internationale Kritik am drögen Spiel der Franzosen. Egal die Art und Weise zu gewinnen. Egal, ob er den Goldenen Ball für den besten WM-Spieler gewinnt und egal ob den für den Weltfußballer. „Ich will nur meinen Stern, das ist alles.“

Der Stern des Weltmeisters. Wenn es doch nur so einfach wäre. Griezmann kennt das Gefühl, große Finals zu spielen. Und sie zu verlieren.

2016 feierten die Menschen in Frankreich an einem Juliabend unter der Woche den Einzug ins EM-Finale. Die Euphorie war gigantisch, die Erwartungen auch. Man hatte soeben den amtierenden Weltmeister Deutschland geschlagen, Griezmann hatte schon sechs Turniertore geschossen, und als Gegner wartete ein Außenseiter, Portugal, der noch nie etwas gewonnen hatte. Was sollte da schon schief gehen?

Frankreich kämpft gegen das Trauma von 2016

Es ging schief, im Stade de France vor heimischer Kulisse. Obwohl sogar noch der Star des Gegners, Cristiano Ronaldo, nach einer guten Viertelstunde vom Platz musste, verletzt durch ein Foul von Dimitri Payet. Obwohl man sich ein Chancenplus erspielte, obwohl auch Griezmann zweimal gefährlich vor das Tor kam. Obwohl der eingewechselte Gignac in der letzten Minute der regulären Spielzeit nach einer starken Einzelaktion aus kurzer Distanz aufs Tor schießen konnte. Doch Gignac traf nur den Pfosten, der portugiesische Torwart Rui Patricio hielt alles andere famos, und in der 109. Minute traf der eingewechselte Éder zum Sieg der Gäste.

So wie in der 109. Minute des Halbfinals zwischen Kroatien und England jetzt Mario Mandzukic zum Sieg traf. Wer es mit der Mystik hat, kann aus Sicht der Franzosen ein paar bedrohliche Vorzeichen zusammentragen. Wieder geht man als Favorit in ein Finale gegen eine Nation, die noch nie etwas gewonnen hat. Wieder kommt der Gegner mit der Erfahrung aus Verlängerungen und Elfmeterschießen, man selbst hingegen nicht. Wieder geht es gegen eine Mannschaft, gegen die man in der Geschichte noch nie ein Pflichtspiel verlor, und wieder gegen eine, die man bei den einzigen Erfolgen im jeweiligen Turnier stets im Halbfinale bezwang. Wo die Franzosen gegen Portugal bei ihren beiden EM-Siegen 1984 und 2000 in der Vorschlussrunde eliminiert hatten, kreuzten bei der WM 1998 die Kroaten ihren Weg. Nach Rückstand durch Davor Suker drehten zwei Tore von Abwehrspieler Lilian Thuram das Match.

Griezmann: "Wir konnten uns erst erholen, dann taktisch arbeiten"

Wenn jetzt erneut die Menschen in Frankreich nach dem Sieg gegen Belgien an einem Juliabend unter der Woche die Nacht hindurchfeierten, gibt es aber auch ein paar Unterschiede zu 2016. Kein Ronaldo, kein Rui Patricio und kein Éder natürlich, aber auch kein Payet und kein Gignac, dafür einen Kylian Mbappé. Anders als vor zwei Jahren hat man außerdem nicht das zweite, sondern das erste Halbfinale bestritten, das zudem schon an einem Dienstag stattfand. Vier Tage Erholungspause statt nur zwei. „Wir konnten uns erst erholen, dann taktisch arbeiten“, sagt Griezmann. „Jeder Tag zählt.“

Er würde ja am liebsten gar nicht mit der Vergangenheit anfangen, erklärte unterdessen Mittelfeldspieler Blaise Matuidi, aber da natürlich auch er nun mal danach gefragt wurde, so viel: „Nachdem wir Deutschland geschlagen hatten, waren wir überschwänglich, zurecht natürlich, aber ein bisschen zu viel. Jetzt sind wir uns bewusst, dass noch nichts erreicht ist“. Tatsächlich machten die Franzosen nach dem Finaleinzug einen fast schon unterkühlten Eindruck, wo die Kroaten wild feierten. Typisch für die Herangehensweise beider Mannschaften im ganzen Turnier.

Varane hat schon die Champions League gewonnen

Acht Spieler aus der Stammelf waren 2016 schon dabei, trotzdem sind die Franzosen als junge Mannschaft mit einem Altersdurchschnitt von 26 Jahren immer noch vergleichsweise unerfahren. Nur Innenverteidiger Raphael Varane hat schon die Champions League gewonnen, keiner so viele Schlachten geschlagen wie auf der anderen Seite etwa Luka Modric. Doch Matuidi glaubt vor dem „Spiel unseres Lebens“, dass gerade die Unbekümmertheit ein Vorteil sein kann. „Sie hat uns bisher schönen Erfolg gebracht. Der Druck soll positiv sein, er darf uns nicht hemmen. Auch wenn es ein Finale ist, muss man es so angehen wie alle anderen Spiele auch.“

Was man halt so sagt, wo man es sich doch „als Profi nicht erlauben kann zu träumen“, wie Kapitän Hugo Lloris weiß. Und ebenso wenig mit der Mystik spekulieren sollte. Trainer Didier Deschamps gewann als Spieler nacheinander die WM 1998 und die EM 2000 – verliert er als Trainer beide Titel nacheinander? Andererseits: Griezmann verlor 2016 vor dem Turnier auch das Endspiel der Champions League, diesmal gewann er das der Europa League. Es kann also, wie immer, alles passieren.