WM 2018: DFB-Elf beginnt Mission Titelverteidigung - in diesem Ort

DFB-Manager Oliver Bierhoff begrüßt in Südtirol BVB-Star Marco Reus (r.).
DFB-Manager Oliver Bierhoff begrüßt in Südtirol BVB-Star Marco Reus (r.).
Foto: Getty Images

Eppan. Es handelte sich um einen hübschen Versuch, aber Aussicht auf Erfolg hatte er nicht. „Wir woll‘n die Mannschaft seh‘n“, skandierten einige Fans, die auf der Straße gewartet hatten. Sie hatten einen schwarzen Bus mit verdunkelten Scheiben vor sich abbiegen sehen, hinter dem sich die Tore wieder schlossen.

Ankunft der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Trainingslager in Eppan, Südtirol. Dass die Mannschaft nicht zu sehen war, ist Absicht. Dafür ist ja extra gesorgt worden.

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DFB-Team im Luxustempel

Am Mittwochmittag versammelten sich die deutschen Nationalspieler im Fünf-Sterne-Luxus-Wellness-Wohlfühl-Tempel Weinegg. Zumindest jene, die nicht noch Verpflichtungen bei ihren Klubs haben (wie zum Beispiel Toni Kroos mit Real Madrid im Champions-League-Finale) oder ein verlorenes Finale zu verschmerzen haben (wie die Profis des FC Bayern München).

Sami Khedira reiste im Privatjet individuell an – als Erster (zeigt Entschlossenheit). Mit dem Flieger aus Frankfurt kam ein großer Teil der Mannschaft im nahe gelegenen Bozen an. Mit dabei: Bundestrainer Joachim Löw, der als Erster ausstieg (zeigt Entschlossenheit). Abfahrt zum Hotel. Ein letztes Mal Abbiegen. Türen zu. Ruhe. Ankunft. Und Beginn einer Reise.

Bierhoff: „Wir müssen den Teamgeist heraufbeschwören“

„Man ist froh, dass es endlich mal losgeht und man die Spieler greifbar hat“, zeigte sich Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff direkt nach der Ankunft recht zupackend, um nicht zu sagen entschlossen.

„Wir müssen den Teamgeist heraufbeschwören“, sagte er noch und es klingt als müssten böse Mächte mit aufwändigen Riten gnädig gestimmt werden so kurz vor dem Turnier in Russland (14. Juni bis 15. Juli).

Deutschland ist Planungsweltmeister

Aber wenn das geht, dann sicherlich an diesem hübschen Fleckchen Erde in Südtirol. Das zeigt ja auch die Historie: Die jüngsten beiden Weltmeistertitel 1990 und 2014 wurden zwischen italienischen Weinreben, Burgen und Schlössern vorbereitet. Goldenes Land für den Fußball- und Planungsweltmeister, dessen Quartiere vor, während und nach Turnieren mit bisweilen heiliger Hingabe diskutiert und erinnert werden.

Der Geist von Spiez eroberte 1954 die Welt, der Schluchsee wurde 1982 zum Schlucksee, weil die Spieler allzu viel Durst entwickelten auf Getränke, die wenig elektrolytischen Nährwert boten. Aber so etwas gibt‘s ja nicht mehr.

DFB-Trainingslager dauert 17 Tage

Schon weit vor dem Ortseingang heißt Südtirol den Weltmeister auf kleinen weißen Fähnchen am Wegesrand willkommen. Die Straße vor dem Hotel ist für den Weltmeister frisch asphaltiert worden, im Wirtshaus „Girlaner Bürgerstube“ hängt ein deutsches Weltmeister-Trikot von 2014 in der Glastür. Eppan, Passeiertal, der Ort, an dem wachsen soll, was wichtig wird: Zusammenhalt, Gemeinschaftsgeist, Erfolgshunger.

17 Tage inklusive des finalen Testspiels gegen Saudi-Arabien in Leverkusen hat Löw anberaumt, um ausreichend gut zueinander zu finden. Bisher reichten dem Bundestrainer stets rund zehn Tage aus, um an seinem schwarz-rot-goldenen Gebilde zu feilen, bis es endlich aussah, wie er sich das vorstellte. Weltmeister werden – gut und schön. Weltmeister bleiben aber erfordert den Masterplan.

Was die Unruhe 2014 bewirkte

Dass auch deutsche Akribie torpediert werden kann, erfuhr der Deutsche Fußball-Bund 2014, als er im 50 Kilometer entfernten St. Leonhard einkehrte und ein Trainingslager des Chaos erlebte. Publik gewordene Störfälle: BVB-Profi Kevin Großkreutz, der in der Nacht nach dem DFB-Pokalfinale in Berlin in die Hotel-Lobby uriniert hatte, Bundestrainer Löw, der seinen Führerschein verlor, und ein Auto-Unfall mit einem Schwerverletzten bei einem PR-Termin.

Psychologen erklärten später, all die unglücklichen Umstände hätten die Mannschaft enger zusammengeschweißt. So eng wie die Sichtschutzplanen am Hotel und Trainingsplatz hängen, damit niemand sieht, was nicht gesehen werden soll.

 
 

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