Wir werden Russland in den WM-Wochen besser kennenlernen

Am Mikrofon beim Fifa-Kongress in Moskau: Russlands Präsident Wladimir Putin.
Am Mikrofon beim Fifa-Kongress in Moskau: Russlands Präsident Wladimir Putin.

Als ihn kürzlich der österreichische Fernsehjournalist Armin Wolf mit Fragen grillte, fiel es wieder auf: Wenn Wladimir Putin lacht, wirkt er richtig sympathisch. Vielleicht lacht Putin deshalb so selten.

Die Ernsthaftigkeit des russischen Präsidenten ist wohl Ausdruck von Solidarität mit der Bevölkerung: In Russland hat niemand etwas zu lachen. Es ist einfach zum Schießen: Mit 77 Prozent wählten sie Putin für eine weitere Amtszeit bis 2024.

Im Westen fällt es nicht sonderlich schwer, Putin als Vertreter dessen zu beschreiben, was wir wahlweise als „Reich des Bösen“ oder „Unfreiheit“ bezeichnen. Mit unseren Werten sind die Krim-Annexion und andere Menschen- und Völkerrechtsverletzungen unvereinbar.

Was aber wissen wir wirklich von Russland? Unser Bild ist geprägt von berechtigten und unberechtigten Vorhaltungen aus der Politik sowie von den Nachrichten über verfolgte und ermordete Oppositionelle, Journalisten, Agenten.

Kurzum: vom Kalten Krieg. Hätten wir Deutsche deshalb, wie von einigen gefordert, die Fußball-WM 2018 in Russland boykottieren sollen? Sicherlich gäbe es gute Gründe dafür, Haltung und Herz nicht für ein bisschen Sommermärchen aufzugeben.

Distanzierung aber hätte bedeutet: Putin hätte leichtes Spiel für seine Show in eigener Sache. Die Weltmeisterschaft gibt Politikern, Funktionären und Journalisten dagegen die Gelegenheit, in Russland etwas genauer hinzusehen. Womöglich sogar hinter die Kulissen.

Wird der Erkenntnisgewinn groß sein? Man weiß es nicht. Aber Wegbleiben hätte in keinem Fall zu Einsichten geführt, die Putins Propaganda entlarven könnten. Es bleibt nun die Hoffnung, die Nelson Mandela dem Sport zugeschrieben hat: „Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern.“ Klingt das naiv? Natürlich. Haben wir eine andere Wahl? Eben.

Mindestens werden wir in den vier WM-Wochen Russland besser kennenlernen. Mindestens werden wir als Reporter, die vor Ort sein werden, die Probleme ansprechen, wenn wir sie sehen und entdecken, und thematisieren. Ohne Vorurteile, klar in der Sache. Da darf Putin gerne herzhaft lachen.

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