Englands Nationalelf ist weit mehr als eine One-Name-Truppe

Harry Maguire (m.) war bei der EM 2016 noch Fan, jetzt jubelt er mit Harry Kane (r.) und Co.
Harry Maguire (m.) war bei der EM 2016 noch Fan, jetzt jubelt er mit Harry Kane (r.) und Co.
Foto: dpa

Moskau. Nach seinen ersten von fünf Länderspielen, die Harry Maguire vor Beginn der Weltmeisterschaft für England absolvierte, war er überglücklich. Der 25-Jährige hatte beim 1:0 in der Qualifikation gegen Litauen im Oktober 2017 keinen Fehler gemacht, doch Trainer Gareth Southgate befand, der Debütant dürfe sich nicht so schnell zufriedengeben. “So, jetzt lasst uns mal herausfinden, wie gut wir wirklich sind”, sagte er dem Verteidiger von Leicester City vor dem nächsten Match gegen Weltmeister Deutschland.

Dank Maguire, der Abwehrkante aus der Stahlstadt Sheffield, stand auch bei jenem Freundschaftsspiel im Wembley die Null (0:0). Mit ihm in der Startformation hat Southgates England überhaupt noch nicht verloren; es war sein Tor, dass den 2:0-Sieg gegen Schweden im Viertelfinale einleitete. Maguire, ein von Grund auf bescheidener Kerl, der die EM in Frankreich als Fan verfolgte und zu einem ersten Treffen mit der Nationalmannschaft mit zwei Müllsäcken voller Schuhe und Socken erschien, ist in Russland mit ungeahnt soliden Leistungen zum Gesicht seiner Mannschaft und ihrer spannenden Entdeckungsreise geworden. Die Grenzen der eigenen Qualität sind fünf Tage vor Turnierende noch immer nicht vollständig ausgelotet, niemand hat auf der Insel eine echte Vorstellung davon, wie gut Maguire und seine bis vor wenigen Wochen im Königreich weitestgehend unbekannten Jungs vor dem ersten Duell mit einem Top-Gegner wirklich sind. Es spielt aber auch fast keine Rolle. Die als One-Name-Truppe zur WM gefahrene Mannschaft - Stürmer Harry Kane (Tottenham) war der einzig echte Spitzenspieler - hat der Heimat mit dem ersten Einzug in ein WM-Halbfinale seit 1990 soviel Freude bereitet, dass sie ungeachtet des Resultats gegen Kroatien am Mittwochabend als Helden-Kompanie zurück kehren wird.

Über viele Umwege nach oben

“Die Spieler sind selbst die größten England-Fans”, sagt Southgate über eine Elf, die in ihrem jugendlichen Enthusiasmus und ihrer Genügsamkeit wie das Gegenmodell zur vermeintlich goldenen Generation um David Beckham wirkt. Becks, Lamps, (Frank Lampard), Stevie G. (Steven Gerrard) und Co. umwehte die Aura von Popstars und ein ständiges Blitzlichtgewitter, in den großen Spielen aber wurde es regelmäßig schnell wieder dunkel. Maguire, Rechtsverteidiger Kieran Trippier (Spurs) und Torhüter Jordan Pickford (Everton) sind dagegen quasi aus dem Nichts zu nationalen Sympathie- und Hoffnungsträgern avanciert. Ihre Karrieren verliefen nicht in geraden Linien, sondern über viele Umwege nach oben; fast jeder in der Startelf aus dem Schweden-Spiel war noch vor wenigen Jahren als Leihspieler in der zweiten oder dritten Liga tätig, da in den reichen Premier-League-Klubs kein Platz für aufstrebende Talente in der ersten Mannschaft war. Trippier wurde zum Beispiel mit 19 aus der Manchester-City-Akademie zum Zweitligisten FC Burnley ausgeliehen, bei den Hellblauen war gerade Scheich Mansour aus Abu Dhabi eingestiegen, der selbstredend sofort in ausländische Könner investierte.

Dass der 27-Jährige und auch der mit 17 Jahren vom FC Sunderland in die fünfte Liga abgeschobene Keeper Pickford es trotzdem ins WM-Aufgebot schafften, verdanken sie ihrer Widerstandskraft, ihrer Professionalität, der taktischen Erziehung durch internationale Star-Trainer und nicht zuletzt der gezielten Förderung durch den früheren U21-Nationaltrainer Southgate, der den Einzug ins Halbfinale am Samstag zu einem Plädoyer für die gefährdete Spezies englischer Profi nützte. “Ich hoffe”, sagte der 47-Jährige, “dass Trainer im In- und Ausland nun erkennen, dass unsere Jungs eine super Technik haben.”

Der Kapitän wurde von vielen belächelt

Es wird interessant zu sehen, ob Eigengewächse in der Zukunft tatsächlich mehr Chancen bekommen, bisher sehnten sich in den Top-Vereinen selbst die Fans im Zweifel eher nach namhaften internationalen Verstärkungen. Jordan Henderson, Kapitän in der Nationalmannschaft und beim FC Liverpool, wurde bis vor kurzem außerhalb des Anfield-Stadion noch von vielen belächelt. “Man war geteilter Meinung über ihn”, schrieb die Times am Dienstag. “Die einen sagten, er tauge nichts, und die anderen sagten, er tauge überhaupt nichts.”

Am Mittwoch, wenn auf der anderen Seite Luka Modric und Ivan Rakitic den Ball streicheln, können Henderson und all die anderen WM-Underdogs sich selbst und das Publikum auf der Insel ein weiteres Mal überraschen. Schon jetzt hat sich ein Fan das Antlitz von Maguire, der bei Kollege Jamie Vardy unter dem liebevollen Spitznamen slab-head (Betonschädel) firmiert und nach Befinden des Independent einen Kopf “wie einer der Monde des Jupiters” auf den breiten Schultern trägt, auf die Brust tätowieren lassen. Der Verteidiger versprach über Twitter, sich mit einem unterschriebenen Trikot für die Liebesbekundung erkenntlich zu zeigen. Vielleicht bringt er ja auch ein Stückchen Gold aus Russland mit. Aber nicht in einer Mülltüte.

 
 

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