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Wer will einen Lügen-Bolt?

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Foto: AFP

Berlin. Die Zweifel laufen mit: Eine Formulierung, ohne die im Doping-Zeitalter kaum noch ein Bericht über eine atemberaubende Leistung auskommt. Aber ist sie noch zeitgemäß?

Erfüllt sie noch ihren Zweck, die Menschen zu sensibilisieren für die nicht zu leugnende Schattenseite des Hochleistungssports?

Nimmt man die Leichtathletik-WM als Maßstab, stehen wir möglicherweise an einem Wendepunkt. So bitter es für die Kämpfer um sauberen Sport auch sein mag – die Menschen, so scheint es, sind der Doping-Diskussionen überdrüssig.

Berauscht von faszinierenden Bildern

In Berlin sind neun Tage lang 30 000 bis 70 000 Zuschauer gekommen, um sich von Athleten mitreißen zu lassen, sich an ihren Leistungen zu berauschen – und nicht, um darüber nachzudenken, was auch immer sie so schnell und so stark gemacht haben könnte. Die Faszination der Bilder ist über jeden Zweifel erhaben: Hoch emotional reagierende Athleten, die vor Freude tanzen oder aus Enttäuschung weinen, ersticken immer häufiger jeden Hintergedanken.

Heldensagen machen nun einmal mehr Spaß als Böse-Buben-Geschichten. Deshalb möchten die Fans einen Usain Bolt lieber als Mister 1000 Volt denn als Lügen-Bolt sehen. Vor allem die TV-Sender, die sich mehr als Mitveranstalter denn als journalistische Begleiter sehen, richten ihre Jubelarien an diesen Bedürfnissen aus.

Der verzweifelte Glaube an das Gute

Vermutlich ist die Zuschauer-Reaktion auf einen simplen Verdrängunsgmechnismus zurückzuführen. In Zeiten, in denen schlechte Nachrichten überwiegen, möchten viele Leute erst Recht an das Gute glauben. Oder aber sie neigen zur fatalistischen Variante des früheren Rad-Profis Alex Zülle, der sein Doping-Geständnis einst so kommentierte: „Wer lügt nicht in unserer Gesellschaft? Drogenkonsum ist doch ein Teil des Geschäfts.”

Nach dem größten Doping-Skandal der Radsport-Geschichte hatte Frankreichs Gesundheitsminister Bernhard Kouchner 1998 resignierend festgestellt: „Die Sponsoren, das Fernsehen, die Zeitungen – alle sind Komplizen.” Das Publikum hatte er in seiner Aufzählung vergessen . . .