VfL-Torwart Bradler bietet einen Imbiss mit Fußball-Flair

Jürgen Bradler, ehemaliger Amateur-Nationaltorwart, vor seinem Imbiss in Oer-Erkenschwick.
Jürgen Bradler, ehemaliger Amateur-Nationaltorwart, vor seinem Imbiss in Oer-Erkenschwick.
Foto: Ralf Rottmann/WAZ FotoPool
Serie 50 Jahre Bundesliga, Saison 1972/1973: Der ehemalige Bochumer Torhüter Jürgen Bradler, der mit dem VfL zu Beginn der 70er-Jahre in die Bundesliga aufstieg, serviert in Oer-Erkenschwick Würste, Schnitzel und Frikadellen. Und wer möchte, kann dabei mit ihm über alte Fußballzeiten fachsimpeln.

Oer-Erkenschwick.. Der Mann überließ nichts dem Zufall. Bevor ein Spiel begann, stellte sich Jürgen Bradler in die Mitte seines Tores, und dann zog er mit dem Schuh eine Linie von der Tormitte nach vorn. „Das war eine wichtige Orientierungshilfe für mich“, erklärt er. Und sie war gut sichtbar damals gegen Ende der 60er-Jahre auf dem Sportplatz in Eickel, denn damals spielte der Turnerbund Eickel in der höchsten Amateurliga noch auf Asche.

Und trotzdem öffnete sich für den langen Torhüter die Tür zur großen Fußballwelt: Noch als Eickeler wurde er in die Amateur-Nationalmannschaft berufen, bevor er dann 1970 zum Regionalligisten VfL Bochum wechselte, mit dem er ein Jahr später in die Bundesliga aufstieg. Seine Hilfslinie markierte er auch noch auf Rasen. „Sie durfte dann nur nicht mehr so lang sein“, erzählt er und legt dabei ein paar Bratwürste auf. Gleich ist es 12 Uhr, dann kommen die ersten Kunden.

Bradler schwelgt mit seinen Kunden in Erinnerungen

Imbissbuden gehören zum Ruhrgebiet wie der Fußball, aber an der Stimbergstraße in Oer-Erkenschwick ist die Kombination perfekt: Hier serviert der ehemalige Bundesligatorwart Jürgen Bradler höchstpersönlich die Currywurst mit Pommes.

Wer eine schnelle Mahlzeit im Stehen einnehmen will, der bleibt oft länger als geplant. Denn der 64-Jährige hat die Wände mit vielen alten Mannschaftsfotos verziert, die meisten vom VfL Bochum Anfang der 70er-Jahre. Man staunt, schwärmt, fragt. „Ich habe sie nicht aufgehängt, um damit anzugeben“, sagt Jürgen Bradler, „sondern weil man darüber mit den Kunden ins Gespräch kommt.“

Er zeigt auf ein Bild des ersten Bundesliga-Aufgebots des VfL. „13 Bochumer Jungs gehörten zu unserer Mannschaft“, sagt er. „Eia Krämer kam aus Duisburg, das war schon weit entfernt.“ Jürgen Bradler wuchs als Bergmannssohn im Ortsteil Hordel auf, „in der Kappskolonie“, einer Zechensiedlung. „Ich war stolz darauf, als Bochumer beim VfL spielen zu dürfen“, sagt er.

Er war gelernter Dreher, bevor er für das Ingenieurs-Examen die Berufsaufbauschule besuchte. „Die Examens-Klausuren waren während der Bundesliga-Aufstiegsrunde“, erinnert er sich. „Die Mannschaft hatte sich im Lottental getroffen, ich stieß am Spieltag erst spät dazu, und unser Trainer Hermann Eppenhoff warf mir auf dem Parkplatz Bälle zu, um mich locker zu machen.“

Bradler: Die Trainingsbedingungen waren früher katastrophal

Jürgen Bradler schlägt den Bogen zur Neuzeit: „Man meint ja immer, die Profis würden heute zu viel verdienen, manchmal wird man auch ein bisschen neidisch. Aber wir haben damals nicht so einen Aufwand betrieben. Wenn die sich heute beim Jubeln die Trikots ausziehen und ich diese Sixpacks sehe – die hatte keiner von uns. Wir mussten aufpassen, dass wir keine Bierbäuche bekamen.“ Die Trainingsbedingungen seien „katastrophal“ gewesen.

„Es gab keine Assistenten und keine Torwart-Trainer, die sich um uns gekümmert hätten“, sagt er. „Wir wurden in die Sandgrube geschickt, da mussten wir mit Medizinbällen arbeiten, und danach durften wir mit den Feldspielern 5000 Meter um den Platz laufen. Wir Torhüter wurden vom Rudel einmal überrundet – und von Jupp Tenhagen gleich zweimal.“ Getrunken werden durfte auch nichts, die Ernährungswissenschaft war rückständiger als die Mondforschung. „Im Trainingslager hieß es beim Mittagessen, im Salat sei doch genug Flüssigkeit.“

Bradler hielt in seiner ersten Bundesligasaison einen Elfmeter von Günter Netzer

Jürgen Bradler hat sich trotzdem hochgearbeitet. Es gibt Fotos in seinem Imbiss, auf denen er neben Uli Hoeneß, Ottmar Hitzfeld und Manni Kaltz zu sehen ist. Auch die spielten in der Amateurnationalmannschaft, die vor den Sommerspielen 1972 in München in Olympia-Auswahl umbenannt wurde. „Wir bekamen als Amateure weniger Gehalt, aber die Sporthilfe glich das teilweise aus“, erklärt Jürgen Bradler, der bei Olympia nur einmal zum Einsatz kam, weil er verletzt war.

In Bochum stand er im ersten Bundesligajahr in allen 34 Spielen im Tor, auf dem Gladbacher Bökelberg hielt er einen Elfmeter von Günter Netzer. Er besuchte die Ingenieursschule und wurde drei Monate zum Grundwehrdienst eingezogen, die Form litt unter den Ablenkungen. Als er dann wegen einer minimalen Sehschwäche privat eine Brille und beim Fußball Kontaktlinsen trug, musste er über sich lesen, dass für ihn vielleicht ein Ball mit Klingel besser gewesen wäre. „Damit er ihn wenigstens hört, wenn er ihn schon nicht sieht.“

Das traf Jürgen Bradler hart, fürs zweite Jahr wurde ihm dann starke Konkurrenz zur Seite gestellt: Werner Scholz kam aus Aachen, profitierte von einer Verletzung des bisherigen Stammkeepers und ließ sich nicht mehr verdrängen. Bradler, der Lange, zeigt Größe: „Der Werner hat auch wirklich super gehalten!“

1975 wechselte Bradler vom VfL zu Westfalia Herne

Aber erst 1975 verließ Jürgen Bradler seinen VfL, in der Zweiten Liga bei Westfalia Herne erlebte er eine turbulente Zeit: mit dem Aufstieg und dem Fall des „Ölkönigs“ Erhard Goldbach. Als der Torwart 1982 in Herne die Karriere beendete, ging er in seinen Beruf zurück: als Betriebsleiter eines Produktionsunternehmens. „Und dann wurde ich vor 20 Jahren wegrationalisiert.“

Jürgen Bradler machte sich selbstständig, übernahm einen Tabak-waren- und Lottoladen in Witten. „Da wollte ich eigentlich in Rente gehen, aber dann lief das Geschäft schlechter.“ Eine Nachbarin in Herne betrieb eine Imbissbude, „und da dachte ich: Das könntest du auch“.

Er reicht eine Currywurst. „Die beste in Deutschland!“, betont Jürgen Bradler und schiebt augenzwinkernd nach: „Wenn mir einer eine bessere vorbeibringt, bin ich gerne dazu bereit, mich zu korrigieren.“

 
 

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