Uwe Seeler zum Wembley-Foto: „Man muss erstmal durchpusten“

Uwe Seeler führte die Fußball-Nationalmannschaft 1966 als Kapitän an.
Uwe Seeler führte die Fußball-Nationalmannschaft 1966 als Kapitän an.
Foto: Carsten Kobow
Auch 50 Jahre nach dem Finale von Wembley ist Uwe Seeler ein gefragter Gesprächspartner. Was er zum geklärten Rätsel ums Jahrhundertfoto sagt.

Essen/Hamburg. Uwe Seeler (79), Ehrenspielführer der Fußball-Nationalmannschaft und Kapitän von 1966, ist das Gesicht von Wembley. 50 Jahre nach dem WM-Finale ist die HSV-Legende ein gefragter Gesprächspartner. Das Telefon klingelt lange. Er hat noch Besuch. Dann hebt er ab.

Uwe Seeler: Ja, moin, was haben Sie denn auf dem Herzen?

Hallo Herr Seeler, nun: 50 Jahre ist das große Finale von Wembley jetzt her. Woran denken Sie bei diesem Jubiläum?

Seeler: Na, also mein erster Gedanke ist, dass wir immer noch über dieses dritte Tor der Engländer reden. Wäre das damals nicht so spektakulär gewesen, wäre es anders. Aber so werden wir auch in zehn oder 20 Jahren noch darüber sprechen.

Wie haben Sie die Szene damals wahrgenommen?

Seeler: Für uns war das Tor nicht so erfreulich. Weil es ja keins war (lacht). Auch die Engländer wissen, dass der Ball nicht drin war. Heute können wir unsere Witzchen darüber machen und alles ist gut. Aber im ersten Moment war es schmerzhaft. Der Schiedsrichter hatte ja schon zur Ecke gepfiffen. Und dann entscheidet er auf Tor. Keiner weiß, was er da gepfiffen hat. Aber wir haben das schnell hingenommen – und das ist ja auch bei den Engländern gut angekommen.

Der umstrittene Treffer leitete die deutsche Niederlage ein. Ihre Enttäuschung fängt das Sportfoto des Jahrhunderts ein. Sie gehen mit gesenktem Haupt vom Platz.

Seeler: Da habe ich schon an die nächste WM gedacht (lacht). Das war ein kleiner Scherz, den ich damals gemacht habe. Man muss das immer ein bisschen lustig nehmen, so bin ich einfach. Und es musste ja weitergehen. Da will man das einfach schnell wegschütteln.

Lange war es unklar, ob das Bild nach dem Spiel oder in der Halbzeitpause entstanden ist. Das Team des Fußballmuseum hat dieses Rätsel nun gelöst. Was sagen Sie dazu?

Seeler: Ja, am Anfang war ich mir auch nicht sicher, aber nun ist es ja geklärt. Und im Hintergrund sieht man ja auch Willi Schulz, der sieht ziemlich traurig aus.

Auf den Kontaktstreifen ist zu erkennen, dass Sie sich, kurz nachdem das Jahrhundertfoto entstanden ist, an die Stutzen fassen.

Seeler: Mir war wohl der Stutzen verrutscht. In so einem Moment macht man einfach irgendwas. Eine Verlegenheitsreaktion. Man muss sich ja abreagieren.

Auf dem letzten Foto ist erstmals Ihr Gesicht in dieser Szene zu erkennen. Sie wirken erschöpft, enttäuscht. Was denken Sie darüber?

Seeler: Das ist ein Moment, in dem man erst einmal geschafft ist. Nach so einem Turnier und so einem Endspiel ist man abgekämpft. Man muss erstmal durchpusten. Und dann waren die Umstände auch noch so unglücklich. Aber beim ersten Bier am Abend war dann auch alles vergessen und wieder in Ordnung.

Die Fotos stammen alle von Axel Springer jun., der unter dem Pseudonym Sven Simon als Fotograf gearbeitet hat. Welche Beziehung hatten Sie zu ihm?

Seeler: Wir waren sehr gut befreundet. Ich mochte ihn, und er mochte mich gerne. Schade, dass er so früh von uns gegangen ist. Ich glaube, die Fotografie war seine Welt. Er hatte als Verlegersohn natürlich einen großen Namen zu tragen, es war aber nichts für ihn, in einem Büro zu sitzen.

Hatten Sie Mitleid mit den Engländern, dass sie ihn ihrem Jubiläumsjahr nicht den EM-Titel gewinnen konnten?

Seeler: Im Fußball ist Mitleid nicht angebracht. Es bringt nichts, wenn eine Mannschaft eigentlich besser spielt. Das haben wir ja auch bei unserer Nationalelf erlebt. Am Ende zählen Tore.

 
 

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