Unser Reporter vor Ort: Zu Besuch im Olympischen Dorf

Wo alles grau ist, müssen die Athleten Farbe reinbringen: Beim Erinnerungsfoto an den Olympischen Ringen.
Wo alles grau ist, müssen die Athleten Farbe reinbringen: Beim Erinnerungsfoto an den Olympischen Ringen.
Foto: dpa

Die Häuser vom Olympischen Dorf in Pyeongchang ragen wie graue Pfeiler in den wolkenlosen Himmel. Umsäumt von Baumreihen und einer Bergstraße bilden die acht Fünfzehn-Geschosser den Kontrast zur hügeligen Landschaft. An den Fenstern künden Flaggen und Sprüche von der Herkunft der Bewohner. Schwarz-Rot-Gold wohnt zentral und – vielleicht als gutes Omen – in den oberen Etagen.

Darunter haben sich die Finnen einquartiert. In dem linken Gebäude grüßen die Exoten: „Vamos Chile“. Rechts die Chinesen und Österreicher. Und die Japaner haben jeden verfügbaren Zentimeter für Eigenwerbung genutzt. Es scheint eine Art erster kleiner vorolympischer Wettkampf zu sein.

Die Hochhäuser in Pyeongchang bilden für die olympischen Tage das Zuhause von rund 3500 Ski- und Kufensportlern, Trainern, Technikern und Offiziellen.

Im 30 Kilometer entfernten Küstenort Gangneung stehen neun weitere Gebäude für 2400 Eissportler, Betreuer und Funktionäre.

Zwei olympische Dörfer, doch ihr Innenleben ist gleich. Neben der Wohnsiedlung gibt es einen Hauptplatz, wo die Fahnen der 92 teilnehmenden Nationen hängen.

Auch Nordkoreas Farben sind dank einer gesetzlichen Ausnahmeregelung dabei. Normalerweise darf die Flagge des verfeindeten Bruderstaates in Südkorea nicht zur Schau gestellt werden. Nach längeren Verhandlungen und der Vermittlung durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte sich Nordkorea jedoch entschieden, eine Mannschaft nach Pyeongchang zu entsenden.

Bei der Eröffnungsfeier am Freitag sowie der Schlusszeremonie wollen Nord- und Südkoreaner gemeinsam ins Stadion einlaufen.

Unter den flatternden Landesflaggen wurde gestern Mittag die deutsche Mannschaft mit einer kleinen Aufführung willkommen geheißen. Trommelschläge, koreanische Tänze und Gesang zur Begrüßung – und als Geschenk bekamen alle Athleten landestypische Gesichtsmasken überreicht.

Biathleten mit Verspätung

Die Biathleten waren leer ausgegangen. Sie kamen ein paar Stunden später an und mussten, wie alle Besucher, erst einmal die Sicherheitsschleuse am Haupteingang passieren. Zuerst wird jeder Mensch durchleuchtet. Man kennt das ja vom Flughafen. Piept es verdächtig, wird zusätzlich noch einmal Hand angelegt. Dann ist das Material an der Reihe. Weil ihre Taschenberge eine Weile benötigen, dürfen die Skijäger schon ins Innere. Der eisige Wind, der um die Häuser weht, lässt sie flinken Schrittes in Richtung Appartements marschieren. Ein kurzer Gruß von Bundestrainer Mark Kirchner, ein Lächeln von Kollege Gerald Hönig – und schon sind sie eingetaucht ins bunte Dorf-Leben.

Auf den Wegen und Plätzen tummeln sich unentwegt Sportler, machen Selfies mit dem lächelnden „Soohorang“. Der weiße Tiger ist das Maskottchen der Spiele und gilt in Korea als heiliges Tier.

Auch die fünf olympischen Ringe, die vor einem flachen Bürotrakt leuchten, haben offenbar nichts von ihrem Reiz verloren. Dafür herrscht drinnen eher Tristesse.

Grau dominiert in den Unterkünften, die spartanisch eingerichtet sind. Plastik, wo man hinblickt. „Aber das ist schon okay“, sagt Jacqueline Lölling, die Weltmeisterin der Skeletoni. Zwei Betten, zwei Nachttische, ein Schrank, eine Kleiderstange, auf nicht mehr als 15 Quadratmetern – das ist die Standardausrüstung der nüchternen Athletenzimmer. Jeweils dreien von ihnen steht eine Wohnküche zur Verfügung, deren Mobiliar größtenteils noch mit Folie beklebt ist. Ganz offensichtlich sollen Schubladen und Arbeitsplatte nicht benutzt werden. Die Familien, die später mal hier einziehen, sollen es ja schön haben.

Werkstatt mitten in der Küche

„Kein Problem“, winkt Lölling ab und lacht. „Wir kochen ja sowieso nicht und nutzen die Küche vielmehr als Werkstatt.“ Wer stundenlang an den Kufen der Schlitten schleift, der ist ganz froh, wenn die Möbel eingepackt bleiben. „Sonst müssten wir bei dem ganzen Staub ziemlich putzen.“ Und angesichts der Temperaturen im zweistelligen Minusbereich ist es sicher auch angenehm, nicht draußen hantieren zu müssen. Auch die Bobfahrer sind geflüchtet und trainieren den Anschub-Sprint lieber in der Tiefgarage. Autos rollen in der künstlichen Siedlung nicht. Selbst Fahrradfahren ist verboten.

Um tausende hungrige Mäuler zu stopfen, wurde eine Sporthalle in eine riesige Mensa verwandelt. Wo sonst Basket- oder Volleyball gespielt wird und auch schon Konzerte stattfanden, sind nun lange Büfetts aufgereiht. Von Pizza bis Kimchi, von Fast-Food bis koscheren Gerichten. Rund um die Uhr. Immer frisch. Chefkoch Choi Jung Young hat eine dicke grüne Mappe mit Speiseplänen für jeden Tag vor sich liegen. Es ist eine kulinarische Reise um die Welt, die er mit seinen Kollegen anbietet, während hinter einer provisorischen Trennwand unzählige fleißige Bienen Geschirr und Besteck abwaschen. Er selbst braucht ebenfalls eine Menge Stehvermögen. Schon in den letzten Nächten hat Choi „höchstens drei Stunden“ geschlafen.

Aber was macht man nicht alles für Olympische Spiele zu Hause.

 

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