Olympia 2018: Eishockey-Helden auf Gold-Mission: „Eine verrückte Welt“

Diese Gesichtszüge erzählen vom Unfassbaren, das gerade passiert ist: Ekstase pur bei den deutschen Spielern, als der Sieg endlich feststeht.
Diese Gesichtszüge erzählen vom Unfassbaren, das gerade passiert ist: Ekstase pur bei den deutschen Spielern, als der Sieg endlich feststeht.
Foto: dpa
Das 4:3 gegen Kanada ist der größte Sieg der deutschen Eishockey-Geschichte: Silber ist sicher, Olympia-Gold kann es werden.

Pyeongchang.  Als sie erklären sollten, was sie da gerade gemacht hatten, fiel ihnen kaum mehr etwas ein. Verausgabt hatten sie sich auf dem Eis, von ihrer Kraft blieb nicht viel übrig. Torhüter Danny aus den Birken beugte sich über seinen Schläger, als würde er ihn unbedingt als Stütze brauchen, um sich aufrecht halten zu können.

„Wir haben eine Medaille. Wir haben uns einen Traum erfüllt mit einer unglaublichen Mannschaftsleistung“, stammelte er. „Das ist Wahnsinn, das muss ich erst mal realisieren.“

Mit seinen Paraden gegen verzweifelt anrennende Kanadier verhalf er der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft zum größten Triumph ihrer Geschichte: Die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes steht im Olympia-Finale am Sonntag (ab 5.10 Uhr live im ZDF). Der Gegner: die Russen.

WhatsApp-Gruppe „Mission Gold“

Kaum einer konnte begreifen, was sich im Gangneung Hockey Centre am Freitagabend abgespielt hatte. Mit 4:3 (1:0, 3:1, 0:2) gewann die Mannschaft von Bundestrainer Marco Sturm das Halbfinale gegen den Rekord-Olympiasieger.

„Wir werden morgen früh aufwachen und uns fragen, was da passiert ist“, sagte Stürmer Frank Mauer. Abwehrkollege Moritz Müller: „Ich kann das Gefühl nur schwer in Worte fassen. In den letzten Jahren sind wir so unglaublich als Gruppe zusammengewachsen, das war Herz und Leidenschaft.“

Unwirklich kamen allen die Ereignisse vor, ein Team aus Deutschland, das seit Jahrzehnten nichts gewonnen hat, düpiert auf einmal die Großen des Eishockeys. „Das ist eine verrückte Welt. Das ist unglaublich, was die Mannschaft geleistet hat“, sagte Marco Sturm. Die für das deutsche Eishockey vorstellbaren Dimensionen hatte schon der Sieg im Viertelfinale gegen Weltmeister Schweden gesprengt (4:3 n.V.). Tatsächlich präsentierte sich die Mannschaft noch stärker gegen den Kontrahenten aus dem Mutterland des Eishockeys – und gewann keineswegs glücklich, sondern mehr als verdient. „Wir waren verrückt genug, vor dem Turnier diese Idee auszusprechen in der Gruppe. Vielleicht war es das, dieser Mut, dieser Größenwahn, der uns am Ende hier hingeführt hat“, sagte Müller, der mit seinen Kollegen eine Whats-App-Gruppe mit dem Namen „Mission Gold“ gegründet hatte.

Dritte Olympia-Medaille seit 1932

Zum dritten Mal nach 1932 und 1976 nimmt das DEB-Team eine Olympia-Medaille mit nach Hause. Der größte Erfolg der Geschichte ist der Finaleinzug schon jetzt: Silber ist sicher, Gold kann es werden.

Das Buch dieses fantastischen Wintermärchens von Südkorea ist also um ein wunderbares Kapitel fortgesetzt worden. „Ich hoffe, dass Deutschland genauso stolz auf uns ist, wie wir es selbst sind, dass wir so weit gekommen sind“, sagte Torwart Danny aus den Birken.

Wie die Schweden hatten die Kanadier versuchten, gleich zu Beginn für klare Verhältnisse zu sorgen. Doch sie schafften es genauso wenig. Dafür traf Brooks Macek in doppelter Überzahl zur Führung (15.). Auch in den drei Spielen zuvor hatte das Sturm-Team im Po­werplay das 1:0 erzielt, jede dieser Partien wurde gewonnen. Das sorgte für ein gutes Gefühl.

So sehr, dass es fast schon frech war, was die DEB-Auswahl da zeigte. Sie störte die Kanadier, die sich schwächer präsentierten als Schweden, früh im Spielaufbau, gestaltete das Spiel völlig offen.

Team D im Eishockey-Fieber

Auf der Tribüne saß fast die halbe deutsche Olympiamannschaft und staunte. DEB-Präsident Franz Reindl hatte sogar Tickets nachordern müssen, weil das deutsche Kontingent nicht ausreichte. Alle waren sie im Eishockey-Fieber, erst recht, als Matthias Plachta auf 2:0 erhöhte (24.). Die Spielfreude trieb immer seltsamere Blüten, ein in der neutralen Zone abgefangener Angriff der Kanadier endete mit dem 3:0 durch Frank Mauer, der den Puck artistisch mit dem Schläger zwischen den Beinen ins Netz bugsierte (27.).

Zwar taten die Kanadier einiges, um das Spiel zu drehen, doch nach dem zweiten Überzahltreffer durch Plachta zum 4:1 zeigte die Mannschaft, die die vorherigen drei Partien im Penaltyschießen oder in der Verlängerung gewonnen hatte, einmal mehr ihre mentale Stärke. Sie ließ sich durch die Anschlusstreffer nicht beunruhigen und brachte den Sieg gekonnt über die Zeit.

„Das ist der größte Tag für das deutsche Eishockey. Ich habe vor ein paar Tagen gesagt: Jeder redet noch von 1976, von dem Team, das die Medaille geholt hat – für die nächsten 50 Jahre wird jeder von diesem Team reden“, sagte Verteidiger Christian Ehrhoff. Der Ruhm der Mannschaft von 1976 wird bleiben, aber er wird in Zukunft im Schatten der Heldentaten der Mannschaft von 2018 stehen.

 

EURE FAVORITEN