Neue Studie ermutigt Prothesenspringer Markus Rehm

Björn Goldmann
Mit einer Bestweite von 8,40 Metern wäre Markus Rehm bei Olympia ein Medaillenkandidat.
Mit einer Bestweite von 8,40 Metern wäre Markus Rehm bei Olympia ein Medaillenkandidat.
Foto: dpa
Der Paralympics-Sieger Markus Rehm will auch zu den Olympischen Spielen in Rio und muss dafür beweisen, dass er keine technischen Vorteile hat.

Köln. Vor 13 Jahren hat er sein rechtes Bein verloren, nicht aber seinen Ehrgeiz. Markus Rehm kämpft um die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio. Erwartungsfroh blickt er in die Journalistenrunde, die sich am Montag im Kölner Sport- und Olympiamuseum eingefunden hat. Rehm, der Paralympics-Sieger im Weitsprung, stellt die Ergebnisse eine Studie vor, die ihm den Weg nach Brasilien ebnen sollen. Hat er mit seiner Prothese Vor- oder Nachteile gegenüber nichtbehinderten Springern? Wirklich eindeutig ist das Ergebnis nicht: Sowohl, als auch.

Unfall beim Wakeboarden

Seine Alltagsprothese hat er unter der blauen Jeans und den gelben Turnschuhen versteckt. So erkennt man auf den ersten Blick nicht, dass Markus Rehm sein rechtes Bein unterhalb des Knies als 14-Jähriger verlor, als er beim Wakeboard-Fahren stürzte und von einem vorbeifahrenden Boot erfasst wurde. „Ich will mich mit den Besten der Welt messen, das ist mein Ziel“, sagt Rehm. Und die treffen sich vom 5. Bis 21. August bei den Sommerspielen in Rio.

Ob Rehm dabei sein wird? Die Olympia-Norm knackte er vergangenen Mittwoch als erster deutscher Springer mit 8,18 Metern. Doch im Fall von Markus Rehm geht es nicht primär um Weiten, sondern um wissenschaftliche Belege. Rehm selbst muss den Beweis erbringen, dass er durch seine Prothese keinen Vorteil gegenüber nichtbehinderten Springern hat. Die Studie, die von Wissenschaftlern aus Köln, Japan und den USA erarbeitet wurde, besagt genau das: Keine gravierenden Vor- oder Nachteile. Im schriftlichen Resümee heißt es: „Zu diesem Zeitpunkt kann nicht eindeutig ausgesagt werden, dass die Prothese von Markus Rehm ihm beim Weitsprung einen oder keinen Gesamtvorteil bietet.“

Das sei doch gut, meint Rehm. „Ich habe also keinen Vorteil.“ Der 27-Jährige wirkt bei diesen Worten erleichtert, aber auch noch nicht wirklich euphorisch. Kein Wunder, wenn man einen so langen Kampf geführt hat wie der Athlet des TSV Bayer Leverkusen. Vor zwei Jahren gewann er mit seinem Sprung über 8,24 Meter den deutschen Meistertitel im Wettkampf mit nichtbehinderten Springern. Ein großer Sieg, aber auch der Beginn einer Zeit der Ungewissheit. Sechs von sieben Finalgegnern legten Protest ein und für die nachfolgenden Europameisterschaften in Zürich nominierte ihn der ihn der Deutsche Leichtathletikverband nicht, bei der DM 2015 startete er außer Konkurrenz. Vom Internationalen Leichtathletik-Verband IAAF wurde ihm auferlegt, selbst beweisen zu müssen, dass er keinen Vorteil durch seine Prothese hat.

Unterstützung durch japanischen Fernsehsender

Lange zögerte Rehm vor diesem kostspieligen Wagnis, bis ein japanischer Fernsehsender die Analyse in Kooperation mit Wissenschaftlern aus Köln, Japan und den USA ermöglichte. Drei Prothesen- und sieben nichtbehinderte Weitspringer mit internationalem Spitzenniveau wurden mit Rehm verglichen, 45 Hochgeschwindigkeitskameras waren im Einsatz, Anlaufgeschwindigkeit, Absprungwinkel und Technik wurden genau analysiert. „Markus’ Topgeschwindigkeit im Anlauf ist geringer als bei nichtbehinderten Athleten“, sagt Prof. Dr. Wolfgang Potthast vom Institut für Biomechanik und Orthopädie der Sporthochschule Köln. „Bei den Bewegungstechniken haben wir aufgrund der verbesserten Sprungeffizienz aber Vorteile erkannt. Das sind völlig unterschiedliche Bewegungstechniken, die Stand jetzt nicht eindeutig gegeneinander aufzuwiegen sind. Wäre das Bewegungsmuster ähnlicher, wäre es einfacher.“

Viel einfacher wird wohl auch Rehms Weg zu Olympia durch diese Untersuchung nicht. Denn jetzt muss der Leichtathletik-Weltverband reagieren. Dass der jedoch Sitzfleisch hat, hat der Verband in den vergangenen Monaten zu Genüge bewiesen, als er Rehm nicht einmal mitteilte, was denn genau Gegenstand der Untersuchung sein soll. Ob die eigene Studie die Wende bringt? Eine Entscheidung wird frühestens bei der nächsten Sitzung des IAAF-Council im Juni fallen. Rehm könnte vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas auf die Teilnahme klagen, wie es Oscar Pistorius vor den Spielen in London 2012 getan hatte. „Es heißt ja: ,Im Zweifel für den Angeklagten’ und ich könnte versuchen, mich einzuklagen.“ Das habe er aber zunächst aber nicht vor. Rehm: „Ich habe den ersten Schritt gemacht, jetzt erwarte ich, dass der Weltverband auf mich zukommt.“