Nach der WM ist vor Olympia - Blog-Duo berichtet aus Favela

Bewaffnete Polizeieinheiten sind in den Favelas von Rio keine Seltenheit.
Bewaffnete Polizeieinheiten sind in den Favelas von Rio keine Seltenheit.
Foto: dpa
In den von Armut geprägten Favelas in Rio de Janeiro herrscht auch vor Olympia 2016 noch Armut und Gewalt. Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl berichten.

Essen. In einem Jahr, am 5. August 2016, beginnen die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Die Berlinerinnen Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl leben in einer von Armut geprägten Favela mitten in Rio und berichten in ihrem Blog (favelawatchblog.com) über das Leben im Schatten von Olympia.

Warum sind Sie in die Rocinha, die größte Favela von Rio de Janeiro, gezogen?

Julia Jaroschewski: Die Favelas von Rio waren lange Synonyme für Gewalt, Armut und Drogengangs. Einerseits ging es uns darum, ein ausgewogeneres Bild über die Favelas nach außen zu transportieren, andererseits berichten wir über die Favelas, über Kriminalität und Kriminalitätsbekämpfung – verstehen kann man die Strukturen aber erst, wann man sie von innen erlebt.

Sonja Peteranderl: Wir arbeiten auch mit Jugendlichen, wollen ihnen Skills im Bereich Mobile Reporting vermitteln, damit sie selbst aus der Favela berichten können.

Wie war es, als Sie in die Favela gezogen sind?

Peteranderl: Wir hatten uns vorher schon ein Netzwerk in Rio aufgebaut und hatten in den Favelas gearbeitet. Es war also keine spontane Idee. Die Rocinha, in der wir leben, ist mit etwa 300.000 Einwohnern sehr groß wie eine Stadt in der Stadt.

Jaroschewski: Hier leben Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebenssituationen – von extremer Armut, mit Hütten ohne Wasser und Strom, ohne Bildung und Arbeit, bis hin zur etwas besser gestellten Gebieten, in denen die Ziegelhäuschen mit Möbeln, Kühlschrank, Telefon, Computer ausgestattet sind.

Haben die Bewohner Sie mit offenen Armen empfangen?

Jaroschewski: Wenn man das Land kennt, die Sprache spricht und die Strukturen kennt, ist das natürlich eine andere Kommunikationsbasis, als wenn man als Tourist in die Favela kommt und sich die Gegend nur kurz ansieht.

Peteranderl: Grundsätzlich sind viele Favelabewohner offen, wenn man freundlich auf sie zugeht. Schwieriger ist es, Hintergründe über die kriminelle Struktur zu erfahren. Darüber reden die Leute nicht sofort – wie in Mexiko gilt auch in der Favela das Gesetz des Schweigens. Dadurch, dass wir uns in der Rocinha auskennen und selbst dort wohnen, konnten wir aber eher das Vertrauen gewinnen.

Ist es gefährlich dort zu leben?

Jaroschewski: In den Favelas ist es wichtig zu wissen, wo es gefährlich ist und wo man sich aufhalten kann. Das Risiko, überfallen zu werden, ist meistens in Touristengebieten wie an der Copacabana größer. Schießereien können aber jeden treffen, wenn man zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Seit die WM vorbei ist, ist die Gewalt in größeren Favelas wie der Rocinha erneut eskaliert. Die Drogengangs kämpfen um ihre Gebiete, attackieren die Polizei. Polizisten reagieren oft nervös, schießen schnell.

Peteranderl: Es ist wichtig, sich richtig zu verhalten. Natürlich läuft man nicht durch die engen Gassen, wenn die Spezialtruppen gerade einen Einsatz haben oder Polizei und Drogengang sich beschießen. Es kann trotzdem passieren, dass Querschläger die dünnen Wände der Ziegelhütten durchschlagen – viele Menschen sterben deshalb in Rios Favelas. 2013 wurde auch ein deutscher Tourist in der Rocinha angeschossen. Vermutlich haben er und sein Freund Mitglieder der Drogengang fotografiert. Als sie angehalten wurden, sind sie weggelaufen. Wenn man in der Rocinha lebt, weiß man, wann und wen man nicht fotografieren sollte.

Bekämpfung der Kriminalität geht in Rio nicht über Ansätze hinaus

Letztes Jahr die Fußball-Weltmeisterschaften, im nächsten Jahr kommt Olympia. Sind Sie eigentlich sportbegeistert?

Jaroschewski: Ich mache gerne Sport und sehe mir internationale Matches wie bei der Fußball-WM an. Viel mehr befasse ich mich aber mit den gesellschaftlichen Aspekten von sportlichen Großereignissen – von politischem und wirtschaftlichem Einfluss bis zu den Veränderungen in den Favelas.

Peteranderl: Unser Ziel war es zu analysieren, ob das, was versprochen wurde, eingelöst wurde, wie Investitionen in Infrastruktur und Bildung, aber auch mehr Sicherheit durch die neue Polizeipräsenz in den Favelas.

Und, wie fällt Ihr Fazit aus?

Peteranderl: Brasilien hat mit der UPP einen innovativen Ansatz ausprobiert. Früher haben Spezialeinheiten die Favelas gestürmt, punktuell Razzien gemacht. Mit der UPP wurde versucht, die Polizei dauerhaft an Brennpunkten zu stationieren – ergänzt um Investitionen in die Infrastruktur, soziale Angebote. In der Rocinha wurden ein Park, eine Bibliothek, ein Sportzentrum, Sportplätze gebaut. Der Ansatz ist richtig, aber in Vierteln, die jahrzehntelang allein von Drogengangs regiert wurden, lässt sich nicht von Heute auf Morgen eine neue Ordnung etablieren. In der Rocinha hat die Polizei viele Fehler gemacht, etwa Favelabewohner gefoltert. Zahlreiche Beamte wurden als korrupt überführt.

Jaroschewski: Auch sicherer ist es nicht geworden. Früher herrschte zwar die Willkür der Drogengangs, jetzt leben die Bewohner mit den Schießereien zwischen Drogengang und Polizei. Es gibt mehr als 1000 Favelas in Rio de Janeiro, in knapp 200 ist die Befriedungspolizei UPP im Einsatz. Die Stadt hat mit der UPP strategisch Favelas besetzt, Gebiete, die von Touristen gesehen und passiert werden: in Flughafennähe, um das Maracana-Stadion und die Strände. Aus einem großen Favelakomplex im Norden ist das Militär gerade wieder abgezogen worden. Das Interesse der Politik liegt jetzt stärker in anderen Teilen der Stadt, dort wo die Olympischen Spiele stattfinden werden.

Abseits des Sicherheitsaspektes. Wie haben sich die Armenviertel entwickelt?

Jaroschewski: Die meisten Investitionen sind vor der WM realisiert worden. Eigentlich sollte noch eine Seilbahn durch die Rocinha gebaut werden. Diese Bauarbeiten wurden aber gestoppt – auch, weil es Proteste gab. Die Bewohner der Rocinha brauchen eher eine Abwasserversorgung als eine Seilbahn.

Peteranderl: Durch die Großereignisse sind die Favelas aber mehr in die Öffentlichkeit gerückt – und Favelabewohner haben gemerkt, dass ihre Kritik gehört wird, mehr über ihre Probleme, aber auch über positive Entwicklungen berichtet wird. In vielen Favelas hat sich ein neues Selbstbewusstsein entwickelt – manche Jugendliche sind jetzt sogar stolz darauf, aus der Favela zu kommen.

Zum Zähneputzen in ein Shopping-Center - Der Favela-Alltag

Wie sieht denn Ihr Alltag in der Favela aus?

Jaroschewski: Die Favela ist sehr laut, rund um die Uhr läuft immer irgendwo Musik. Sehr viele Menschen leben auf engstem Raum, Privatsphäre gibt es nicht.

Peteranderl: Das Internet fällt oft aus, Videos hochzuladen hat manchmal zwei Stunden gedauert, der Strom fällt manchmal aus. Wir haben auch schon tagelang ohne Wasser gelebt. Wir sind in ein Shoppingcenter gegangen, um uns dort die Zähne zu putzen.

Wie hat die Fußball-WM den Alltag in der Favela verändert?

Peteranderl: In den zahlreichen Bars lief wie immer viel Fußball und die WM wurde übertragen. Die Spiele des brasilianischen Teams waren beliebt – nach dem Ausscheiden hat das Interesse rapide abgenommen. Wir haben fast jedes Spiel gesehen und darüber berichtet, weil wir für unser Projekt festhalten wollten, wie die WM in der Favela wahrgenommen wird. Es gab Momente, in denen wir fast alleine oder mit nur einer Hand voll Menschen in der Bar saßen.

Jaroschewski: Die WM hat sehr hohe Erwartungen geschürt. Die Leute haben gedacht, dass Straßen gebaut werden und eine Abwasserversorgung, dass sich alles ändern wird. Viele Brasilianer waren stolz, dass die WM in ihrem Land stattfindet und haben sich darauf gefreut – gleichzeitig wurde kritisiert, dass die Kosten für die WM explodieren, während im ganzen Land Schulen und Krankenhäuser fehlen. Geblieben ist der Eindruck, dass vor allem die FIFA und die Elite profitiert haben und die WM ein Spektakel für Touristen war.

Wie sieht es jetzt, ein Jahr vor Olympia aus?

Jaroschewski: Die Freude auf die Olympischen Spiele ist gedämpft. Die WM war aber auch wichtiger, weil es ein brasilianisches Ereignis war. Jetzt betrifft es nur Rio. Die Favelabewohner haben gemerkt, dass es nicht so leicht wird und sie nicht alles glauben können, was prophezeit wurde. Dafür gibt es zu viel Korruption und auch zu viele Probleme in den Favelas. Es bleibt nur noch ein Jahr und alle fragen sich: Was kommt nach Olympia? Viele glauben: Alles, was bis dahin nicht umgesetzt wurde, wird auch nicht mehr umgesetzt.

 
 

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