Formel 1: Sebastian Vettel am Abgrund – jetzt spricht der Ferrari-Boss ein Machtwort

Formel 1: Sebastian Vettel ist enttäuscht.
Formel 1: Sebastian Vettel ist enttäuscht.
Foto: Imago Images / Laci Perenyi
  • In der Formel 1 hat Sebastian Vettel ein Seuchenjahr hinter sich
  • Sein junger Teamkollege Charles Leclerc hat ihn diese Saison geschlagen
  • Eine Analyse

Lang ist es her, als Sebastian Vettel das Wunderkind der Formel 1 war. Jüngster GP-Sieger, jüngster Weltmeister, vier Titel in Serie. Nichts schien für den Heppenheimer unmöglich. Nicht mal, die Rekorde seines großen Vorbilds Michael Schumacher zu übertreffen. Das scheint eine Ewigkeit her zu sein.

Die Formel 1-Zeiten sind düster für Sebastian Vettel. Aus sportlicher Sicht war die Anfang Dezember endende Saison die vielleicht schlimmste in Vettels Formel 1-Karriere, die schon seit über zehn Jahren andauert.

Formel 1: Vettel genervt vom Regelwerk

Vettel war während der aktuellen Saison so genervt wie nie zuvor, wetterte regelmäßig gegen das Regelwerk und den Status der Formel 1. „Ich bin nicht einverstanden mit dem aktuellen Zustand dieses Sports. Das ist momentan nicht der Sport, in den ich mich verliebt habe als ich angefangen habe, zuzuschauen. Morgen, wenn ich aufwache, werde ich nicht mehr enttäuscht sein. Lewis und ich empfinden großen Respekt füreinander, wir haben beide viel erreicht in diesem Sport“, so Vettel nach dem für ihn frustrierend verlaufenen Rennen in Kanada.

Seinem langjährigen Rivalen Lewis Hamilton konnte Vettel von Anfang an nicht das Wasser reichen. Mercedes raste Ferrari einmal mehr davon. Die ersten fünf Rennen waren allesamt Doppelsiege für den seit Jahren dominierenden Rennstall. Ferrari fuhr, noch mehr als zuletzt, hinterher.

Sebastian Vettel: Teamkollege Leclerc fährt ihm davon

Als die Wagen von Ferrari endlich konkurrenzfähig waren, musste Vettel auch noch mitansehen, wie ausgerechnet sein Teamkollege, der 22-jährige Franzose Charles Leclerc, in Belgien und Italien die ersten Siege der Saison für Ferrari einfuhr.

In Singapur konnte Vettel dann endlich auch einen Sieg feiern, den ersten seit über einem Jahr. Dabei bekam der Deutsche allerdings Hilfe von seinem Team. Vettel durfte zuerst in die Box, konnte Leclerc dadurch mithilfe eines sogenannten „Undercut“ schlagen. Leclerc zeigte dafür wenig Verständnis. „Was zur Hölle?“, rief das Nachwuchstalent über den Boxenfunk seinem Team zu.

Beim kommenden Rennen in Russland sollte Vettel laut Stallorder Leclerc Platz machen – und weigerte sich.

Duell zwischen Vettel und Leclerc eskaliert

Schon da war klar, dass Vettel seinen Status als Nummer Eins bei Ferrari längst verloren hatte. Leclerc ist schnell, ehrgeizig und nicht bereit, sich dem viermaligen Weltmeister kampflos zu fügen.

Am Wochenende kam es dann zur Eskalation. Vettel und Leclerc kollidierten beim Großen Preis von Brasilien, schieden beide aus dem Rennen aus. Nach außen verhielten sich beide ruhig. „Er hat mich nach innen reingequetscht. Es ging sehr schnell. Dann haben wir uns berührt und ich hatte einen Reifenschaden“, ließ Leclerc verlauten und auch Vettel hielt sich mit Schuldzuweisungen zurück. Unter der Oberfläche aber brodelt es, kein Experte glaubt, dass Leclerc und Vettel es dauerhaft gemeinsam bei Ferrari aushalten.

Am Ende der Saison dürfte Leclerc sogar mehr WM-Punkte gesammelt haben als Vettel. Das wäre erst das zweite Mal, seit seiner Debütsaison im Jahr 2007, das Vettel das teaminterne Duell verliert. Zuletzt wurde Vettel 2014 von Daniel Riccardo geschlagen.

Das hatte sich Sebastian Vettel und auch die italienischen Rennsport-Fans anders vorgestellt, als er 2015 mit der Empfehlung von vier Weltmeister-Titeln zu Ferrari kam. Als Youngster im Red Bull war der Heppenheimer durch die Formel 1 gewirbelt – bei der Scuderia hatte man gehofft, Vettel könne in die Fußstapfen der Legende Michael Schumacher treten und eine neue Ära der roten Dominanz einläuten. Stattdessen wartet Ferrari seither auf einen WM-Titel.

Zwei Stars in einem Team sind üblicherweise einer zu viel

Es ist eine Situation, wie sie sich in der Geschichte der Formel 1 immer wieder abgespielt hat. 1988 etwa, als der junge Ayrton Senna zu McLaren kam und dort dem zweimaligen Weltmeister Alain Prost Konkurrenz machte. Die Folge war eine historische Saison, in der McLaren sagenhafte 15 von 16 Rennen gewann und Senna sich denkbar knapp den Titel sicherte.

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1989 schlug Prost zurück und holte sich die Weltmeisterschaft. Doch zu diesem Zeitpunkt war längst klar, dass McLaren nicht zwei der größten Fahrer aller Zeiten zeitgleich beschäftigen konnte. Prost und Senna waren zutiefst zerstritten und das Team gespalten. Einer der beiden Stars musste gehen. Die Wahl fiel auf Prost, denn der Franzose war sechs Jahre älter als Senna.

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Legendäre Teamduelle der Formel 1:

  • Neben dem Duell zwischen Senna und Prost gibt es weitere harte Duelle innerhalb von Teams
  • Erst vor wenigen Jahren lieferten sich Lewis Hamilton und Nico Rosberg im Mercedes heftige Schlachten
  • Obwohl die beiden sich schon seit Kindheitstagen über den Kartsport kennen, zerbrach die Beziehung der beiden Fahrer
  • Hamilton gewann 2014 und 2015 die WM, 2016 schlug Rosberg zurück und holte den dritten Mercedes-Titel in Serie. Rosberg trat anschließend völlig überraschend zurück
  • Auch Sebastian Vettel kennt solche Duelle bereits. Bei Red Bull duellierte er sich immer wieder mit seinem elf Jahre älteren Teamkollegen Mark Webber. Vettel behielt letztlich die Oberhand und gewann vier WM-Titel

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Vettel muss sich deutlich steigern wenn er einen neuen Vertrag will

Und ähnlich dürfte es Vettel am Ende der kommenden Saison ergehen. Der Deutsche ist zehn Jahre älter als Leclerc und hat die Erwartungen seit seinem Wechsel im Jahr 2015 nicht erfüllt. Vettel war gekommen, um Ferrari den WM-Titel zu holen. Doch an den Mercedes war in all den Jahren kein Vorbeikommen. Und der Vertrag des viermaligen Weltmeisters Vettel läuft 2020 aus. Leclercs Vertrag hingegen läuft bis 2022.

Noch gibt Ferraris Teamchef Binotto sich bedeckt. „Als wir den Fahrern während dieser Saison Anweisungen gegeben haben, wurden wir dafür kritisiert. Wenn sie kämpfen dürfen, werden wir dafür auch kritisiert“, zitiert „motorsport.com“ den Italiener. Allerdings wird Vettel schon eine unglaubliche Saison 2020 liefern müssen, um sein Aus bei Ferrari noch zu verhindern.

Mit Ross Brawn erfasste ein guter Freund von Michael Schumacher das Problem. „Wenn Ferrari die Dominanz von Mercedes nachhaltig beenden will, dann müssen die Italiener für 2020 nicht nur ein besseres Auto bauen. Dann muss Mattia Binotto auch sicherstellen, dass Vorfälle wie in Brasilien nicht mehr vorkommen. Formel 1 ist Team-Sport, und das gilt ganz besonders für Ferrari“, so Brawn, der als Technischer Direktor bei Ferrari fünf WM-Titel mit Schumacher holte.

Besonders böse war Brawns Vergleich zwischen Vettel und Weltmeister Hamilton: „Ich will mich nicht auf die Diskussion einlassen, wer an der Berührung mehr Schuld hat. Aber vielleicht könnte sich einer der Ferrari-Fahrer an Lewis Hamilton mal ein Vorbild nehmen, der nach dem Rennen sofort zugegeben hat, dass er im Duell mit Albon gepatzt hat.“

Teamchef schaltet sich ein

Nun schaltete der Ferrari-Teamchef sich höchstpersönlich ein. Dem Podcast „Starting Grid“ sagte Mattia Binotto: „Zu Saisonbeginn kannten Vettel und Leclerc sich noch gar nicht. Jetzt haben sie ein gutes Verhältnis. Die Kollision in Brasilien ist sicher nicht hilfreich. Aber es ist auch kein Drama. Ganz im Gegenteil: Ich sehe es mehr als Chance, dass jetzt die Dinge für das nächste Jahr klargestellt werden.“

Heißt: Ferrari plant derzeit fest mit Leclerc UND Vettel für die kommende Saison.

 
 

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